Da der übliche Blick am frühen Morgen zunächst aufs Smartphone fällt, beginnt der Tag noch im Bett mit viel Aufregung: Plötzlich habe ich 4 Follower auf Twitter!

Normalerweise nennt man Teil 2 ja auch gerne "Die Rache", aber das erschien mir unangemessen.

Normalerweise nennt man Teil 2 ja auch gerne „Die Rache“, aber das erschien mir unangemessen.

Mein erster Tweet war also doch was wert. Das ist etwas!

Eine nähere Untersuchung des Vorfalls ergibt, dass es sich bei meinen neuen Fans um einige random 14-jährige handelt, deren Interessen bestenfalls orthogonal zu meinen stehen, wenn sie sich denn überhaupt im selben Dimensionsraum ausdrücken lassen.

Nun bin ich ja kein gänzlich uninformierter Rentner, und erkenne ein Refollow-Modell wenn ich es sehe: Man folgt irgendwem, in der Hoffnung, dass man selbst einen Follower dazu gewinnt. Da es bei Twitter aber darum geht, die richtigen Nachrichten von den richtigen Leuten zu hören, kommt mir die Sache hier eher spanisch vor, und ich ignoriere die wortlos gestellte Bitte. Ich kann das Follow behalten, bis es jemand merkt.

Tja, 14-jährige, da guckt ihr! Morgens um 7 von einem Studenten ausgetrickst!

In der freien Hand hat der moderne Denker natürlich ein Smartphone.

In der freien Hand hat der moderne Denker natürlich ein Smartphone.

Ich schleppe mich zum zweiten Ort der frühen Routinen: Aufs Klo, das Handy dabei weiterhin in der Hand. In der majestätischen Pose von Rodins Denker auf der Brille angekommen sprudelt er mir dann auch schon entgegen: ein Flash aus News die mich nicht interessieren, „voll lustigen“ aber vollkommen belanglosen Sprüchen und Aufforderungen linkspolitisch aktiv zu werden, stößt mich fast vom Becken der morgendlichen Verrichtung.

Die meisten Tweets verstehe ich kaum.

Vom morgendlichen Schock der (wie ich später herausfinden soll) Night-Timeline erholt, beginne ich den Tag. Ich verlaufe mich über selbigen hinweg mehrfach in den Zwitscher-Broadcaster und scrolle abwesend durch einige Posts, folge Leuten die von anderen Leuten retweetet wurden weil einer ihrer Sprüche gut war.

Ohne System.

Ich plane außerdem meinen ersten freiwilligen Tweet, einen flachen Witz über meinen Studiengang. Er wird nach Stunden des Ausformulierens der 30 Zeichen umfassenden Pointe aus mehreren Gründen verworfen:

  1. Er war echt erbärmlich schlecht (Auf eine Art, auf die dieser Text nicht Mal vom Teilen leben würde. Es wäre nur traurig, glaubt mir.)
  2. Es gibt auf Twitter meines Wissens keinerlei Kontext für meinen Studiengang

  3. Es würde ihn (bis auf die 14-jährigen und einen neu dazu gekommenen Werbeanbieter) sowieso niemand lesen.

Was ich brauche ist ein Anfang. Ein Zugang zu Twitter.

Aber da ich diesen so schnell nicht finde, begebe ich mich zu etwas Anderem, wozu mir der Zugang fehlt. Es ist der Abend des EM-Spiels Deutschland – Polen und ich bin bei Freunden eingeladen. Der Hashtag #GERPOL liest sich nicht schön, dafür aber überall.

Auf der Rückfahrt fällt mir auf, dass die Tagesschau mehr Tweets spamt als ein nigerianischer Prinz, der dir 3 Millionen Penispumpen anbietet, wenn du ihm deine eigene kurz leihst.

Oder so.

Außerdem lese ich einen neuen Hashtag, der mir vollkommen nebulös ist: #22Uhrnonmention.

Twitter Sendeplan

Ich wünschte, ich könnte so tolle Grafiken erstellen wie @der_von_nebenan

Verwirrt google ich. Bin ich vielleicht doch zu alt für dieses Twitter?

Ich werde glücklicherweise schnell fündig: eine tolle Liste mit Twitter FAQ. Zunächst lese ich sie mit vorsichtiger Distanz zur Materie, aber etwas zieht mich hinein. Ich entdecke den immensen Facettenreichtum Twitters, eine Subkultur mit eigenen Normen, Regeln und Quirks, mit eigenen Sitten und einer eigenen Geschichte. Twitter hat sogar eine Art Sendeplan, der sich nach Uhrzeit und Wochentag ändert.

Das alles macht etwas mit mir:

Ich will das kennen lernen. Ich will dabei sein.

Ich bin plötzlich motiviert!

Der beste Weg, gesehen zu werden, ist, auf einen beliebten Hashtag aufzuspringen. Ich sauge mir einen weiteren uninspirierten Post aus den Fingern, und setze freudig ein #GERPOL darunter.

Die offensichtlich mangelnde Brillianz soll sich rächen: niemand landet auf meiner Seite.

Vielleicht bin ich zu hässlich.


Wenn du den Anfang verpasst hast, bitte hier klicken.

One comment on “Twitter: Tag 2 – Es beginnt

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