Disclaimer: Ich gehe nicht so unfassbar ins Detail, aber der zart besaitete Leser mag dieses Thema vielleicht auslassen. Das gibt einem teilweise echt kein gutes Gefühl.


Es gab also Probleme mit vermehrten sexuellen Übergriffen in der Silvesternacht. Natürlich auch mit anderen Straftaten, aber wir können vermutlich einstimmig festhalten, dass Vergewaltigungen zu den furchtbarsten Dingen zählen, die einem zugefügt werden können. Was aber macht einen Menschen zum Täter?

Merkmale eines Täters
Natürlich kann man kein eindeutiges, vollständiges Profil von jemandem erzeugen. Das kann man nie. Wir können nicht anfangen, Männer mit einer schwierigen Jugend und geringer Impulskontrolle auf Verdacht wegzusperren. Wir können aber versuchen, die Ursachen zu verstehen.

Zunächst ein paar Zahlen. Denn es gibt weitaus mehr Vergewaltigungen da draußen, als mir bewusst war, bevor ich mich explizit informiert habe. Diemit körperlicher Gewalt verbundeneVergewaltigung ist tatsächlich weiter verbreitet als ich dachte: Laut einer EU-Studie von 2014 wurde eine von 20 volljährigen Frauen bereits zum Opfer. Rechtlich zählt als Vergewaltigung allerdingsjede Form von nicht einvernehmlichem Geschlechtsakt. Wenn jemandstark betrunkenist, und jemandandersdas ausnutzt: Vergewaltigung. (Ja, auch dann, wenn die Person sich selbst abgeschossenhat.) Wenn irgendeine Art von Drohung im Spiel ist, um den anderen zu Sex zu bringen: Vergewaltigung. Wenn jemand sehr bedrängt wird, und sich schließlich fügt: Vergewaltigung. Wenn man diese Formen des Verbrechens mitbetrachtet, steigt die Zahl gefährlich an: Jede sechste Frau hat das schon erlebt! (Meine Quelle hierfür ist aber nicht so gut zu benennen. Die Zahl kann aber hinkommen.)

Die meisten Opfer von Vergewaltigungen sind Jugendliche, viele sind noch unter 18. Meistens sind die Opfer gerade 15 oder 16 Jahre alt, viele (aber nicht so viele wie man denken würde!) sind weiblich. Die meisten Täter sind männlich und älter als ihre Opfer. Im wissenschaftlichen Kontext werden Vergewaltigungen daher oft in Kombination mit Pädophilie betrachtet, aber natürlich auch als gesondertes Verbrechen.

Warum sind es Männer? Eine mögliche Antwort gibt es in der Evolutionspsychologie.
Okay, was ist Evolution? Wenn sich genetische Besonderheiten und Mutationen durch Fortpflanzung vermehrt verbreite
n, bis sie in der gesamten Population vorhandensind. Je mehr einen eine solche Besonderheit zu mehr Sex befähigt, desto wahrscheinlicherwird diese Besonderheit von den resultierenden Kindern weiterverbreitet und wird langfristig zum Konsens. (Das kann von heutiger Sicht aus auch schief gehen. Filmtipp: Idiocracy.)
Männer haben, evolutionär betrachtet, einen größeren Sexualtrieb als Frauen. Das liegt daran, dass eine Frau für effektive Fortpflanzung theoretisch nur ein Mal alle 9 Monate zu gebrauchen ist.
Männer hingegen sind mehr als nur bereit, alle15 Minuten ihreGene an zukünftige Mütter, Samenbanken, Taschentücher oder Socken zu verteilen. Bisher macht das die Männer aber nicht zu Tätern, sondern nur zu Deppen.
Evolutionspsychologen denken, dass Vergewaltigungen eine gute Möglichkeit waren, das eigene Erbgut in Umlauf zu bringen. Wer nicht auf Einvernehmen warten muss, kann sich besser an die Frau bringen, sozusagen. Dadurch wurden Gene von männlichen Vorfahren, die zum Vergewaltigen neigen, weitergereicht, und das zieht sich bis heute. Wir
alsHomo Sapiens sind auch nicht die einzigen, die vergewaltigen. Orang-Utans nutzen auch häufig Gewalt. Und wer nicht desillusioniert werden will, überspringt besser den Rest des Satzes: Delfine auch.
Allerdings ist meiner Meinung nach nicht immer viel auf Evolutionspsychologie zu geben. Sie ist ein interessanter Ansatz, und zeigt, wie Verhalten entstanden sein kann, aber unsere heut
igeKulturisierung trägt so viel zu unserer Formung bei, dass Evolution nebensächlich wird.

Ein Beispiel: die Studien von Richard Johnson von der University of Cincinnati zeigen, dass es bei Vergewaltigungen meistens nicht wirklich um Sex geht. Es geht um Macht. Darauf wiesen Untersuchungen im recht konservativen Kansas hin. Es wurde überprüft, wie viele Vergewaltigungen es pro Landkreis gab. Das Ergebnis: dort, wo Frauen sich eine höhere gesellschaftliche Stellung erarbeitet haben, also als Polizistinnen arbeiten, weiterführende Ausbildungen abschließen, oder selbsttätig sind, gab es mehrVergewaltigungen. Wenn Männer sich von Frauen eingeschüchtert fühlen, greifen manche zum Mittel der absoluten Dominanz.
Ein Versuch, die verschiedenen Motivationen hinter Vergewaltigungen zu kategorisieren, wurde 1989 von Knight und Prentky unternommen. Zunächstlagder Fokus noch auf Pädophilie, aber 1990 erweiterten sie ihr Repertoire um Vergewaltigungen allgemein. Beide sind relativ spannend, man kann eine deutsche Adaption der Pädophilie-Typisierunghieransehen, ab S. 16 unten. Jetzt wichtiger sind aber die 1990 extrahierten Motivationen für Vergewaltigungen. Beide sind übrigens absolutnichts für schwache Nerven, mir wurde ein bisschen schlecht. Weiterlesen auf eigene Gefahr. Es werden nach Knight und Prentky vier grundlegende Typen (und ein paar Subkategorien) unterschieden. Die wichtigsten:

  • Opportunistic Rape
    • impulsive, ungeplante Angriffe
    • geringe Impulskontrolle die sich auch durch sonstiges Verhalten des Täters zieht
    • Ziel ist direkte sexuelle Befriedigung, die (meist) nichts mit Sadismus zu tun hat
    • zeigen sich indifferent gegenüber dem Wohlergehen des Opfers
    • Gewalt wird nicht ausdrücklich genutzt, sondern nur als Mittel zum Zweck
  • Pervasively Angry
    • das Ziel hat nicht primär mit sexueller Befriedigung zu tun
    • eigentlicher Zweck: Ausdruck von umfassendem, tiefsitzendem Ärger, der sich auch gegen Männer richten kann
    • hohe Aggression, hohe Gewaltausübung unabhängig vom Widerstand
    • schwerwiegende körperliche Verletzungen oder sogar der Tod des Opfers können folgen
  • Sexual – Sadistic
    • eindeutiges Ziel ist die Befriedigung sexueller Gelüste
    • können nicht zwischen sexuellen und aggressiven Trieben unterscheiden, Sadismus ist Teil der sexuellen Phantasien
    • fügen teilweise schwere Verletzungen auch abseits der Vergewaltigung zu
  • Sexual – Nonsadistic
    • eindeutiges Ziel ist die Befriedigung sexueller Gelüste
    • relativ hohe Chance, im Angesicht von Widerstand zu fliehen
    • Fantasien sind Zeichen von sexuellen Fetischen und einem fehlgeleiteten Bild von Geschlechterrollen und Sex
    • hat zu Teilen starke Selbstzweifel
  • Vindictive (=rachsüchtig)
    • explizit gegen Frauen gerichtete Wut
    • Angriffe fügen physische Schäden zu und sollen das Opfer degradieren
    • Ausmaß der Wut kann von verbalen Beleidigungen bis zu Mord reichen
    • hat nicht mit Sex per se zu tun
Okay, das nochmal aufzuschreiben war irgendwie heftig.

Welche Muster können wir sehen? Es ist schwer, etwas mit Sicherheit zu sagen. Generell scheint eine schlechte Triebkontrolle beteiligt zu sein. Entweder können abnorme sexuelle Bedürfnisse, oder aber Wut und Aggression nicht schlecht zurückgehalten werden. Emotionale Intelligenz und Sozialkompetenz sind bei vielen Tätern eher gering.Diese Effekte wurden in einigen Fällen durch eigenen Missbrauch in der Kindheit ausgelöst. Narzissten und Psychopathen neigen ebenfalls stark zu sexuellen Übergriffen – Leute, die sich wenig um das Wohl ihrer Mitmenschen scheren. Es wurde auch behauptet, dass zumindest Pädophile andere Gehirnstrukturen aufweisen. Ich bin kein Neuro-Experte, weiß aber, dass solche Aussagen in der Regel nicht funktionieren.

Sexuelle ÜbergriffeAußerdem ist ein verqueres Bild von der Beziehung zwischen Mann und Frau, oder Frau und Gesellschaft oft im Spiel. Hierfür wird von vielen Forschern auchdie Gesellschaft verantwortlich gemacht: Überzeugungen wie „Wer als Frau unvorsichtig ist, trägt eine gewisse Mitschuld.“ sind erstaunlich verbreitet, in einer Meinungsumfrage, dievon Philipp Süssenbach an der Uni Marburg ausgewertet wurde, stimmten ganze 30% der Leute diesem Satz zu. Das sogar unabhängig vom Geschlecht. (Es gab noch weitere beängstigende Sätze, wie „Viele Frauen neigen dazu, eine nett gemeinte Geste zum „sexuellen Übergriff“ hochzuspielen.“, dem 20% der Befragten zustimmten!)Hier mit einer Lösung anzusetzen sieht recht vielversprechend aus. Vor Allem, wenn man bedenkt, dass Gleichberechtigung ohnehin ein heikles Thema ist. EntsprechendeProgramme in Schulen existieren bereits.

Was kann man aber noch tun, um Vergewaltigungen entgegen zu wirken? Ich denke: das Bild der Frau und der Gleichberechtigung insgesamt stärken, Menschen helfen, sich ihre Probleme einzugestehen und Hilfe zu suchen, und gesellschaftlich zusammenhalten.
Eine Sache noch zur Vergewaltigungsabwehr: Obwohl häufig vom Wehren abgeraten wird, weil es nur zu schlimmeren Verletzungen führt, zeigen Untersuchungen, dass das nicht ganz richtig ist. Wer sich verteidigt, bevor die Vergewaltigung begonnen hat und sich aktiv zur Wehr setzt, hat eine viel höhere Wahrscheinlichkeit, davonzukommen. Also, Ladies and Gentlemen: wehrt euch!
Ein letzter Rat am Ende: Sollte irgendeiner meiner Leser sich vielleicht in einem der Typen wiedererkennen, oder sonst irgendwelche vergleichbaren Gefühle in sich spüren, dann ist es das Beste, sich professionelle Hilfe zu suchen. Viele Pädophile sind sehr unglücklich mit ihren Vorlieben, und können in Begleitung besser damit umzugehen lernen. Das kann Tätern und (somit verschonten) Opfern das Leben erleichtern.
Ich hoffe, dass jemand bis hier gelesen hat. Ich hoffe auch, dass ihr etwas gelernt habt, und dass ihr euch jetzt nicht so missmutig fühlt, wie ich es gerade tue. Ich glaube, das war das schwierigste und unangenehmste Thema, über das ich je schreiben musste. Danke an alle, die das mit mir durchgestanden haben.

Die wohl wichtigste Quelle für all das hier ist ein Artikel von Jochen Paulus aus der Psychologie Heute 4/15, der genau dieses Thema behandelt. Ich habe einige Gedanken aufgegriffen, und vor allem viele Quellen und Infos übernommen. Man könnte fast sagen, dass ich im Wesentlichen paraphrasiert und zusammengefasst habe, ergänzt um ein wenig Zusatzrecherche und Umformulierungen.

9 comments on “Wie ein Mensch zum Vergewaltiger wird.

  • Wow. Respekt, dass du dich so einem Thema widmest! Ich kann vollkommen nachvollziehen wie unangenehm es sein musste diesen Artikel zu schreibe

    ich weiss halt nicht was das grössere Problem ist: Das wir in einer Gesellschaft leben in der Frauen immer noch nicht mit Männern gleichgestellt sind (vor allem in den KÖPFEN!) oder das es nicht mehr Hilfangebote und -annnahmen von (potenziellen) Tätern gibt.
    Wäre es mgl bei Jemanden der potenziell ein Vergewaltiger werden könnte diesen Willen zu "heilen"?

    Auf jeden Fall respekt an dich für diesen Artikel!

  • DankeA Das war echt nicht leicht für mich ^^
    Ich glaube, das erste zu entwickeln würde das zweite weniger wichtig machen. Was ich gehört habe, tun sich viele mit dem ersten Schritt schwer: sich einzugestehen, dass sie Hilfe bräuchten.

  • Version II: leicht entschärft und überarbeitet. Bei dem Thema doch irgendwie anzuecken, würde mir wirklich nicht gefallen. Morgen noch die Formatierung, ich muss jetzt leider los!

  • Die Täter natürlich! Oder eben auch potentielle Täter, insbesondere. Es kann ziemlich schwer sein, sich wirklich bewusst zu machen, dass man da eventuell Probleme hat.

    Ich glaube, die Opfer erkennen das bei uns schon. Wobei es ja noch immer Länder geben soll, in denen das Opfer, also meist die Frau, schuldig gemacht wird -.-

  • Du hast absolut Recht! Allerdings gibt es ja leider viele Frauen die aus lauter Scham/Angst nicht darüber reden wollen…

    Zu den Tätern: Es gibt ja mittlerweile auch dieses Projekt "kein Täter werden" für potenzielle Täter die pädophil sind. Ich hab echt Respekt vor jedem Mann der da hingeht, weil es ja erstens, wie du ja schon gesagt hast, sehr schwer für den Pädophilen ist sich das einzugestehen und zweitens zeigt das ja auch, das er eben kein Täter werden will! Es gibt ja beschissenerweise irgendwelche Leute die gezielt in Chatportalen oä nach Kindern suchen… 🙁 Diese gezielte Suche ist wirklich krank…. Ich meine die VERSUCHEN ja nicht mal gegen ihre Triebe anzukämpfen!

    Was ich noch sagen wollte: Du machst echt coole Beiträge hier und hilfst mir auch beim Verstehen von Psychologischen Inhalten (zb das Thema Attribution- richtig witzig und gut erklärt! 😀 ) Das sit insbesondere hilfreich wenn man selbst wie ich grad angefangen hat Psychologie zu studieren. 🙂

  • Genau davon hatte ich auch schon gehört – das war irgendwo in den Tiefen meines Hirns noch beim Schreiben vorhanden.
    Würde man tatsächlich solche Programme weiter vorantreiben, wüssten mehr Leute einen besseren Umgang damit, woraus auch weniger von denen, die es nicht versuchen wollen, folgen würden. Das würde natürlich noch immer nicht alle abhalten, aber helfen…
    Irgendwie will ich denken, dass es insgesamt besser wäre, es nicht so zum Tabu-Thema zu machen, damit sich auch die Betroffenen eher trauen. Gleichzeitig will ich eigentlich aber auch so wenig wie möglich drüber reden. Doof, dass nicht immer alles Sinn macht 🙁

    Und Danke! Ab und zu Mal Lob tut gut 😀 Du bist auch die einzige Person, die hier konstant kommentiert 😉
    Ich tue, was ich kann. Leider kann ich nicht alle Uni-Themen rechtzeitig abdecken :/
    Wenn du mir noch weiter helfen willst, und das noch nicht geschehen ist (ich kann dich ja nicht zuordnen) such meine Seite auf Facebook 😀
    Und teile, like und kommentiere brav weiter 😉

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