Die Neujahrsnacht ist ein guter Aufhänger, denn es gibt bestimmte Fragen, die im Nachhinein oft gestellt werden. Einer davon will ich mich hier widmen: Wieso hat keiner den Opfern geholfen, wenn über 1000 Leute auf dem Platz herumstanden?
Diese Fragen werden generell häufig gestellt: Wieso unternimmt keiner der Zeugen etwas, wenn eine Straftat begangen wird? Wieso helfen die Leute sich nicht gegenseitig?

Komischerweise gab es in dieser App kein Bild
von jemandem, der geschlagen wird.
Das Opfer steht jetzt ein bisschen statisch da,
aber ihr versteht, was ich meine

Ein Nicht-Köln-Beispiel: eine Kollegin einer Freundin ist abends durch die Fußgängerzone zur Bahn gelaufen. Es war nicht voll, aber durchaus belebt (für Frankfurter: die Zeil ist ja nie wirklich leer), aber das hat sie nicht davor bewahren können, von einer Gruppe Männer belästigt, angefasst, verfolgt und angepöbelt zu werden. Sie hat sich zur Wehr gesetzt, geschrien und sie schließlich abgeschüttelt – in der Zwischenzeit hat aber niemand reagiert.
Dieses Phänomen beruht auf Verantwortungsdiffusion: Je mehr Leute zuständig sein könnten, desto weniger nehmen sie die Sache in die Hand. Das zeigt sich in vielen Situationen: Wenn mein Zimmer zumüllt, putze ich es irgendwann genervt. Wenn das im Gruppenraum eines Vereins passiert, fühle ich mich nicht explizit verantwortlich, die anderen könnten ja auch Mal den Arsch hoch kriegen! In beruflichen Situationen können auch uneindeutig zugeteilte Aufgaben schuld sein: Wenn der Chef die Aussage: „Jemand sollte Mal den Praktikanten feuern“ in den Raum stellt, wird sich niemand darum reißen, die betreffende Person zu sein. (Bei den Pfadfindern hatten wir mal eine Person, die irgendwann berüchtigt dafür war, Sätze mit „Jemand sollte Mal…“ zu beginnen, obwohl es nur um Kleinigkeiten ging. Fühl dich ruhig angesprochen 😛 )


Je mehr Leute Zeugen eines Zwischenfalles werden, desto unwahrscheinlicher eilt wirklich jemand zur Hilfe.


Noch ein spannend klingendes Phänomen gefällig? Pluralistische Ignoranz. (Ja, ich fühle mich gebildet, wenn ich solche Dinge schreibe.) Sie ist fehlgeleiteter Gruppenzwang durch gemeinsame Ratlosigkeit: Wenn man sich nicht sicher ist, was zu tun ist, sucht man sich eine Normierung in den anderen Anwesenden, und kopiert ihr Verhalten, um zur Gruppe zu gehören. Doof ist dann, wenn alle anderen auch keine Ahnung haben. Einer zögert, alle zögern, niemand hilft, Chance vorbei, zurück auf Start und gehe nicht über Los.

Bei Straftaten spricht man dann kombiniert vom sogenannten Bystander-Effect: Je mehr Leute Zeugen eines Zwischenfalles werden, desto unwahrscheinlicher eilt wirklich jemand zur Hilfe. Klingt doof, aber wenn man an die letzten Jahre denkt, ist das gar nicht so selten vorgekommen: Assis prügeln Senioren tot, im Taunus wird ein Jugendlicher auf einer Party erstochen, Köln, Vollidioten die im Nachtbus die Sitze aufschlitzen und die Kasse stehlen, weswegen eine Linie wieder abgeschafft wurde,und und und.
Der Effekt funktioniert ungefähr so: 

„Ich denke, da sollte ich helfen. Aber da stehen auch noch andere Leute, die einschreiten könnten, genug andere, die gerade weniger beschäftigt sind, ich hab doch ne Katze zu Hause die bestimmt wieder den Ofen angelassen hat, das Mistvieh, naja und die anderen könnten eh viel besser helfen [bis hier Verantwortungsdiffusion, ab hier pluralistische Ignoranz], und die helfen ja auch nicht, also scheint die Lage eigentlich okay zu sein und mir kommt es nur schlimm vor, und es wäre voll peinlich für alle, wenn ich trotzdem eingreife, oh jetzt bin ich schon dran vorbei gelaufen.“

(Streng genommen wird die Reihenfolge im Beispiel falsch herum betrachtet: Erst muss die Situation als Gefahr eingestuft werden, woran die pl. Ignoranz hindert, danach erst verteilt sich die Verantwortung. Nachzulesen zum Beispiel hier.) Dadurch, dass sich die Verantwortung auf so viele Personen aufteilt, kriegt niemand den Arsch hoch, um wirklich Zivilcourage zu beweisen.
Der Effekt wurde nicht nur „im Feld“ beobachtet, sondern konnte auch in vielen Experimenten nachgestellt werden:

Das Problem lässt sich eigentlich nur umgehen, wenn man sich für entsprechende Situationen sensibilisiert. Wie so oft ist Aufklärung eine der besten Sachen, die ich tun kann: Wenn man sich über den Effekt im Klaren ist, kann man sich aktiv gegen die Lethargie wehren, und wirklich etwas tun.
Aus diesem Grund habe ich im letzten Jahr tatsächlich drei Mal nachts die Polizei gerufen, als sich auf der Straße Frauen in einem Streit lautstark zur Wehr setzen mussten, (ich wohne nicht im besten Viertel der Stadt) und wäre bei Handgreiflichkeiten auch im Schlafanzug runter gerannt (als guter Pfadfinder habe ich immer eine Einschüchterungsmachete im Schrank liegen). 

Einen Zusatz habe ich aber noch: Der Bystander-Effect kann auch umgangen werden, indem eine Person hilft. Sobald eine Person agiert, greifen immer mehr Leute ein, weil es auffällt, weil es die Unsicherheit umgeht, weil die Leute sich sicherer werden. Wenn ihr Hilfe braucht, holt sie euch explizit bei einer Person. Nennt sie beim Namen, sprecht sie direkt an, irgendwas – die Leute werden helfen.
 
Das einzig Gute an dem ganzen Problem: Ohne Bystander-Effekt hätte der Film Kickass nie gedreht werden können. Man sieht an mehreren Stellen, wie baff die Leute nebendran stehen und einfach zusehen, während ein als Superheld verkleideter Teenager Autodieben die Fresse poliert und dann erstochen wird. Und überfahren. Und dann gehen die Leute weiter.

One comment on “Der Bystander-Effect: Wie kann so viel schiefgehen, wenn über 1000 Leute an einem Ort sind?

  • oh man, das Video mit dem Experiment ist ja wirklich erschreckend… Daumen hoch für dich, dass du schonmal Zivilcourage geleistet hast! 😀
    Das mit dem direkt ansprechen hab ich schon mal gehört, kam aber bisher zum Glück noch nicht in eine Situation wo ich das hätte verwenden müssen.

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