Manche Facebook-, Twitter und Instagram-Profile sehen mittlerweile entweder aus wie Reiseprospekte oder Fotodokumentationen über das Leben von Drogenbaronen – Die Flut der neuen Medien und Kommunikationsmöglichkeiten führt zu einem digitalen Schwanzvergleich, an dem erschreckend viele Leute teilnehmen – manchmal nicht unbedingt freiwillig.Leute sammeln Likes wie andere Pfand und stoßen damit mitunter persönliche Marketingkampagnen mit gewaltigem Ausmaß an. Manche Profile haben mehr Follower, als Finnland Einwohner, und das obwohl der gepostete Content zu großen Teilen aus Selfies am Strand besteht. Man bekommt nahezu das Gefühl, dass heutzutage alles likenswert ist, was Andere beneiden – Statusupdates vom Flughafen, Bilder vom Shoppen, Selfies in Dubai, total süße Bilder vom erfolgreich auf dem Töpfchen kackenden Nachwuchs.

#neonarzissmus
Das hier dürfte ungefähr die glücklichste Tagcloud sehen, die ich je gesehen habe.

Okay. Genug Geflame für den Anfang dieses Posts. Denn viel besser bin ich eigentlich auch nicht: ich teile meinen Blog über Facebook, und hoffe, dass er mehr Likes sammelt als das Video von Lenny Krawitz’ Penis. (Dass das nicht klappt ist eine andere Geschichte, über die ich nicht sprechen möchte.)

Es gibt natürlich Abstufungen: nicht jeder auf Facebook verhält sich so, wie ich es hier anprangere. In meinem Bekanntenkreis ist es ein winziger Teil, aber doch ein Teil, der auffällt. Ihr alle werdet sofort an jemanden denken, der sein komplettes Leben postet, und irgendwie genug Geld hat, durchgehend im Urlaub zu sein. Was ich sagen will: Ich Generalisiere zum Wohle der Lesbarkeit mehr, als es sein müsste.

Eigentlich möchte ich ein Problem ansprechen, das die Gesellschaft betrifft: Narzissmus, also grenzenlose Selbstüberschätzung, die zu pathologischen Problemen führen kann. Durch kontinuierliche Selbstdarstellung und die Möglichkeit, die nach außen sickernden Informationen beliebig zu manipulieren oder zu stellen, ergibt sich bei manchen ein perfektionistischer Kontrollzwang über das, was Andere von ihnen wahrnehmen. Das Bild kann immer weiter verbessert werden, sodass alle anderen sehen, wie gut alles läuft… und irgendwann glauben sie es selbst. Aussagen werden so abgestimmt, dass sie möglichst viel Unterstützung erhalten, möglichst wenig anecken, keine peinlichen oder kontroversen öffentlichen Situationen provozieren. Dadurch verschwindet viel Ehrlichkeit: Wenn alles kontrolliert wird, ist es dann noch echt? Welche Identität zählt eigentlich: die im menschlichen Kontakt, oder die öffentliche im Online-Auftritt?

Selbstdarstellung führt zu überhöhtem Selbstwert führt zu Selbstverlust.

Aber auch diejenigen, die das große Illusionistenspiel nicht selbst spielen, leiden darunter. Sozusagen von der Zuschauertribüne aus. Wenn man sich in sozialen Netzwerken umsieht, leben alle das Leben, das jeder von uns immer wollte. Das liegt zum Teil auch am selektiven Informationsfluss, der selbst bei eher zurückhaltenden Postenden nur die großen, spannenden Dinge durchsickern lässt: Posts wie „Hey Leute, guckt mal, ich spüle gerade!“ oder „Ich beim Saugen – sieht echt kacke aus hier! LOL!“ sind weniger häufig vertreten. Diese Sachen sehen wir vermischt von all unseren Bekannten. Selbst wenn jeder User ehrlich alle paar Tage etwas Spannendes postet, wirkt es, als sei immer etwas los. Die Auswirkungen der überspitzten „Realität“ die man eher antrifft, schaden dem Effekt zusätzlich. Man kann nicht entkommen.

Das Schlimme ist: es ist kaum jemandem anzukreiden, dass er Facebook zur Selbstdarstellung nutzt. Akzeptanz ist schon nach Maslow aus den Fünfzigern ein Grundbedürfnis, und ein großer Teil unseres Selbstwertes wird über unsere Sozialstruktur definiert. Wenn Facebook letztere aber rund um die Uhr sichtbar auf durchschnittlich über 100 Leute* erweitert, wird deutlich, wo das hin führen muss: zum Drang, sich öffentlich optimal zu präsentieren.
Ein (geklautes) Beispiel: Wer vor 10 Jahren all seinen Bekannten zu jedem Feiertag gratuliert, dauernd ungefragt irgendwelche Bilder verschickt, und jedem von der neuangeschafften antiken Konfettimaschine erzählt hätte, wäre vermutlich erst belächelt und dann ausgepeitscht worden. Heute bekommt man dafür Likes. Wie tief sind wir gesunken?

Um zu erörtern, wie sehr Facebook und Narzissmus zusammenhängen, können wir ein Spiel spielen: Wie viele der folgenden Eigenschaften von Facebook-Usern sind tatsächlich dem Störungsbild der Narzisstischen Persönlichkeitsstörung entnommen?

  •     Grandiose Vorstellung der eigenen Wichtigkeit
  •    Übertreibungen bei Leistungsbeschreibungen
  •     benötigt exzessive Bewunderung (*hust* Likes *hust*)
  •      starke Bezugnahme auf Andere für die Selbst-Definition und den Selbstwert
  •     übertriebene Selbsteinschätzung
  •      gezeigte Emotionen hängen mit dem aktuellen Selbstwert zusammen
  •     Ziele und Meinungen sind abhängig von der Zustimmung Anderer
  •      Starke Abstimmung mit Reaktionen anderer, solange sie für den Selbstwert wichtig sind
  •     Beziehungen sind größtenteils oberflächlich und werden aus Eigennutz unterhalten
  •      beschränkte Gegenseitigkeit, weil kein echtes Interesse an den Erfahrungen anderer besteht, und Überwiegen des Bedürfnisses nach persönlichem Gewinn
  •    Egozentrische Sichtweise
  •      Übermäßiges Bemühen, die Aufmerksamkeit anderer zu erringen und zu erhalten
  •     Fishing for Compliments

Jeder, der jetzt „Alle!“ gerufen hat, hat verstanden, worauf ich hinaus will.

Besonders für Jugendliche ist das ein Problem. In der Pubertät ist es wichtig, eine eigene, distinkte Persönlichkeit herauszubilden. (Dass das noch nie so einfach war, sieht man daran, dass Pubertierende schon immer jedem auf den Sack gingen. So waren wir alle.) Wie oben schon festgestellt, passiert das vor Allem über sozialen Vergleich und Rückhalt. Und in der vernetzten Welt, passiert das wiederum vor Allem über Soziale Netzwerke. Wenn dort aber alle absolut großartig sind, wird es schwerer, aufzufallen: es kommt zu einem Wettstreit um Aufmerksamkeit. Das Internet ist ein riesiges Publikum, jeder aktive Nutzer ist in einer Reihe von Communitys Mitglied, betreibt an verschiedenen Fronten den Kampf um Präsenz. YouTube, Blogs, Instagram – alle Medien werden bedient, und überall wird diskutiert. Auffallen ohne Anzuecken ist eine Kunst, die manche perfektionieren – das geht angeblich stellenweise so weit, dass Leute mehrere Profile anlegen, in denen sie sich verschiedenen Gruppen verschieden präsentieren.

Warum ist das alles ein Problem? Weil es unsere Gesellschaft tiefgreifend verändert. 1985 hatte jeder siebte Student narzisstische Züge, 2006 schon jeder vierte. Aussagen wie „Ich bin eine wichtige Person.“ wird von wesentlich mehr Befragten zugestimmt als früher. Die Leute sind mehr von sich selbst überzeugt, suchen mehr Bestätigung, verschwimmen aber zugleich immer mehr: Ein Teufelskreis. Gleichzeitig warnen amerikanische Verhaltenspsychologen davor, dass eben diese lebensfrohen Bilder bei Betrachtern zu Depressionen führen können.
Und ehrlich gesagt: Nicht nur bei denen. Ein wunderschönes, trauriges, und Zeichen setzendes Beispiel ist das ehemalige Instagram-Model Essena Oneill. Nachdem sie mehrere hunderttausend Follower auf verschiedenen Plattformen hatte, ist ihr irgendwann aufgefallen, dass sie im Endeffekt nur unglücklicher wird – aggressiv, unzufrieden, launisch, perfektionistisch. Ihre Schwester anzuschreien, dass sie weiter Fotos machen soll, bis alles stimmt, war ganz normal. Das Ergebnis: sie hat sich von Social Media losgesagt, und kämpft jetzt für die guten Sachen. Ihre Arbeit kann man hier finden.
(Man kann jetzt darüber diskutieren, ob sie sich damit wirklich der Sache losgesagt hat, oder nur auf eine unterstützendere Form von Bewunderung umgesattelt ist. Das wäre aber irgendwo auch nicht ihre Schuld: wenn man es so weit hat kommen lassen, dass man unter einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung leidet, kommt man da nicht so leicht wieder raus. Im Endeffekt können wir ihr wenigstens anrechnen, dass sie neuerdings auf einer Welle aus Bewunderung für sinnvolle Sachen reitet.)

Wir werden also narzisstischer (und mit Pech depressiver.) Na und?

Die weiter oben beschriebenen Symptome sind nur die Sonnenseite des Narzissmus. Unter der Oberfläche aus Glamour und Glanz schlummern Selbstzweifel, Kritikunfähigkeit und ein Mangel an bedeutungsvollen, echten Beziehungen. Wer wirklich unter Narzissmus leidet, lebt nach außen hin ein tolles Leben, und verliert innen immer weiter den Fokus. Oftmals fällt das aufgrund der intakten Fassade, und weil Narzissten zu funktionieren scheinen kaum auf. Obwohl so laut, ist es ein stilles Leiden.
Natürlich hat Narzissmus aber auch gute Seiten. Er ist nicht per se eine Persönlichkeitsstörung, nicht immer eine Krankheit. Er ist eine Persönlichkeitsfacette, und wie bei fast Allem ist eine gewisse Ausprägung gut, und eine starke Ausprägung hinderlich.
Narzissmus bringt uns dazu, zu uns selbst zu stehen. Selbstbewusstsein macht glücklicher, charismatischer und erfolgreicher. Narzissten können produktiv sein, viele großartige Dinge anstoßen und mitreißen.
Es ist schwer, hier jetzt noch ein Fazit zu ziehen. Vielleicht greife ich zu einer altbewährten Wahrheit: passt da draußen einfach auf – das Wissen darüber, dass Narzissmus schief gehen kann, hilft schon Mal viel. Steht zu euch selbst, aber lasst es nicht raushängen!


*Kurze Info zu Quellen: Ich wurde gerade von einer Statistik-Website verarscht, die mir mehr Infos nach Anmeldung versprach, und mir jetzt weniger anzeigt. Na danke. Meine Daten sind dementsprechend nicht genau, aber ich weiß, dass es international mehrere Länder gab, in denen der Freunde-Durchschnitt auf Facebook bereits über 150 Personen lag. Das war 2010!! In Internetjahren ist das ungefähr das Mittelalter!

**Die hier beschriebenen Symptome stammen übrigens aus DSM-V und ICD-10, die sozusagen das Klinisch-Psychologische Äquivalent zum Fähnlein-Fieselschweif-Artenbestimmungsratgeber sind. Der ICD-10 wird von der WHO herausgegeben, und ist sogar das Verzeichnis aller anerkannten Krankheiten, mit einem Abschnitt psychische Probleme. Ich war allerdings so frei, sie ein wenig umzuformulieren, um das Spiel weniger offensichtlich zu gestalten.

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