Wenn wir nach Allem, was ich hier so über die Wunder der ernsten Spiele geschrieben habe,genau überlegen, stellen wir eine Sache fest: Irgendwie haben die meisten von uns noch nie wirklich ein Serious Game gespielt. Insbesondere hätten die meisten von uns auch gar keinen Bock, in einem Spiel beigebracht zu bekommen, wie die neueste S-Bahnmülleimeröffnungswinkel-Leitordnungdurch verschiedensteEU-Gremien gereicht werden musste, bevor sie beschlossen werden durfte.
Oder wie man Desoxyribonukleinsäureschreibt.
Oder aus was Curry eigentlich besteht

 

Dinge, die jeder liebt: Clowns, Jar-Jar, Lernen, erschossen werden
Für alle, die nicht genug kriegen: Es gibt ein Videospiel namens
Jar-Jar’s Jar-Jar-jar„.

Das liegt daran, dass wir nicht Lernen wollen – was schade ist, denn neue Sachen zu lernen ist ein wundervoller Prozess, mit dem wir uns weiterentwickeln und unserem Zukunfts-Ich helfen können, AIDS zu heilen oder auf Partys weniger langweilig zu wirken. („Jaja, werte Freunde! Man schreibt es mit einem Y nach dem X!“)Alle Geschichten, die wir uns erzählen, alle großartigen Dinge, die geschehen, alles, was unser tägliches Leben beeinflusst, das alles handelt von fähigen Leuten. Intelligente Wissenschaftler revolutionieren die Welt, geschickte Diplomaten wenden Kriege ab, und in Spielen schlüpfen wir in die Rolle von Actionhelden, die mit Einzeilern und Granaten um sich werfen. Im Sinne meiner Rollenspiel-Erfahrungen ist eine Frage, die man sich jedes Jahr an Sylvester stellt:Was hast du dieses Jahr geskillt? Wenn unsere Helden sich weiterentwickeln, warum dann nicht auch wir?
Aber entfernen wir uns wieder von motivierenden Pep-Talks (ich bin ja nicht Shia LaBoeuf), und kommen zu interessanteren Fragen: Warum lernen wir so ungern, wenn es doch angeblich so toll ist? Und wie wollen Serious Games damit umgehen?

Motivation!
Irgendwie ist das da oben
ein anderer Hintergrund…

Um die erste Frage zu beantworten, muss ich einen Verweis anlegen: Motivation ist kein Thema, das man mal nebenbei abhandelt, wenn man eigentlich etwas Anderes erklären will. Deswegen werde ich mich auf zwei wunderpar zum Thema passende Motivationstheorien beschränken, diese nebenbei abhandeln, und siehier verlinken. (Hier hätten wir Reiss‘ subjektive Gewichtung der Grundbedürfnisse und Fogg’s grafisches Modell des Zusammenhangs von Motivation und Aufgabenschwierigkeit.)
Um die zweite Frage zu beantworten, müssen wir so tun, als hätte ich die Sache mit der Motivation auch wirklich beantwortet, anstatt mich aus der Sache rauszureden. Tun wir also so, als hätten wir oben gelernt, dass „Lernen“ für viele Leute kein guter Anreiz ist, um sich mit etwas zu beschäftigen, und wir das bisschen freie Zeit, das wir im Alltag so haben, nicht unbedingt mit einer Sache verbringen wollen, die recht weit unten auf der Motivatoren-Skala steht. „Spaß“ ist zum Beispiel vielweiter oben (und teilt sich den Platz mit „Essen“, „Sex“ und „nutzlos in der Gegend rumliegen und einen leeren Fleck im Raum fokussieren“), und wird damit eher verfolgt als „Lernen“ – weswegen wir zu einem Spiel statt zu einem Lehrbuch über affektive Neurowissenschaften greifen. Genau das ist ja einer der Tricks von Serious Games: es sindSpiele! Sie machenSpaß!
Das Problem ist: Wer von uns vertraut einer Packung, auf der steht „Lernen mit Spaß!“? Eben. Mir fallen spontan zwei Lösungen dieses Problems ein:

  • man benutzt ein Serious Game an einer Stelle, an der man eigentlich etwas Langweiliges benutzen würde (zum Beispiel, wenn man Schülern ein Vokabellernspiel aufdrückt); dann ist das Serious Game immer noch besser als die Alternative. Yay!
  • Man tut so, als würde man gar nichts beibringen wollen.

Der zweite Punkt ist ein bisschen hinterhältig, weil Leute etwas davon haben, ohne es mitzubekommen. Bei anderen Anwendungen von Serious Games, wenn es um sozialkritische Themen und Kultur geht, grenzt das schon fast an Propaganda. Beim Lernen aber nicht.
Diese Taktik ist nämlichrecht abgefahren: Wenn man den Spieler austrickst, sodass er das Spiel freiwillig spielt, lernt er trotzdem etwas – und das aus freien Stücken. Das dürfte meiner Meinung nach die erfolgversprechendste Möglichkeit sein, Inhalte zu vermitteln: das Opfer denkt, es hätte Spaß, lernt dabei etwas, und geht hinterher mit zwei guten Gefühlen nach Hause.
Dass das in der Praxis auch wirklich gemacht wird, zeigen viele Exergames – aber bis ich davon schreibe, müsst ihr euch noch ein wenig gedulden.


Einen Nachtrag habe ich aber noch: Wer sich an Prokrastination erinnert, weiß vielleicht noch: wir verbringen unsere Zeit gerne mit etwas Sinnvollem, ohne dabei etwas wirklich Sinnvolles zu tun. Das kann für Serious Games negative Folgen haben: Wenn sie zu sehr als Spiel vermarktet werden, haben die Leute das Gefühl, den ganzen Tag nutzlos herumgelegen zu haben. Wenn sie allerdings zu sehr als Lernmaßnahme verkauft werden, will niemand mehr seine wertvolle Freizeit mit ihnen verkomplizieren.
Man kann es niemandem recht machen…

One comment on “Serious Games – Warum wir nicht lernen wollen

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