Die Regeln sind wie beim letzten Mal: ich gebe euch zwei Mal zwei Entscheidungsmöglichkeiten, und ihr entscheidet euch jeweils für eine davon. Dann versuche ich, zu erraten, wie ihr euch gerade entschieden habt, ihr seid entweder mächtig enttäuscht, dass ich es versaut habe, oder gründet eine moderne Variante der Inquisition, die Hexen ausschaltet indem sie ihrem Blog negative Kommentare zuspielen, und in der Zwischenzeit erkläre ich, wieso ich dachte, dass ihr euch so entscheidet, wie ihr euch (nicht) entschieden habt.

Okay, diese Versuchsanweisungen waren etwas wirr, aber ihr kommt schon klar. Versucht euch vorzustellen, dass ihr das Geld am Ende auch wirklich bekommt, okay?
10€ jetzt oder 15€ in 6 Wochen? Und was ist mit 10€ in 5 Wochen oder 15€ in 6 Wochen?

Zeit für Magie: In echten Versuchsbedingungen, wenn ihr wirklich bezahlt werdet (Ja man kann Geld verdienen, indem man sich als Versuchskaninchen opfert, ja das ist leicht verdientes Geld, nein ihr bekommt kein Geld von mir, obwohl ihr euch eben extra entschieden habt), sind die Antworten der Meisten von euch theoretisch die Folgenden: ihr wählt zunächst die kurzfristigere Möglichkeit und lasst euch direkt 10€ geben, und im zweiten Fall ist der Unterschied zwischen den Situationen geringer, weswegen ihr lieber mehr Geld in 6 Wochen als weniger in 5 wählt. Aber warum?


Kurzfristige Entscheidungen treten gemeinsam mit verstärkter Verarbeitung in emotionalen Bereichen des Hirns auf, längerfristige Entscheidungen werden in anderen Regionen verarbeitet.


„Wenn ich 5 Wochen warten kann, kann ich auch 6 Wochen warten.“ Die Entscheidungsmöglichkeiten im unteren Fall haben beide einen negativen Teilaspekt (Warten…), und sind sich recht ähnlich. Das sind beides Gründe, die die rationale Verarbeitung begünstigen. Viel wichtiger ist jedoch: Dinge, die in der Zukunft liegen, werden weniger emotional gesehen: deshalb wird hier rational entschieden. Es konnte sogar gezeigt werden, dass nahe Ereignisse dementsprechend einen höheren subjektiven Wert haben. Stellt euch das so vor: Weihnachten ist geil, aber so richtig darauf freuen können wir uns erst Mitte Dezember. Dabei ist es von Mitte August aus gesehen genau das gleiche Fest. Das wird noch mit etwas Anderem kombiniert: Kurzfristige Entscheidungen betreffen uns schneller, und werden dadurch impulsiver behandelt, wir lassen uns keine Zeit und handeln damit sehr spontan aus dem Bauch heraus. Erst langfristig haben wir die Ruhe, unseren Kopf entscheiden zu lassen. Wieder ist es also unsere Affektsteuerung, die uns in der oberen Situation einen Strich durch die Rechnung macht, in der unteren aber weniger aktiv ist.

Tatsächlich gibt es auch neuropsychologische Hinweise auf diese Verarbeitungsmechanismen: Versuchspersonen, die einen Scan im Magnetresonanztomographen machten, sollten sich zwischen ähnlichen Bedingungen entscheiden. Kurzfristige Entscheidungen traten gemeinsam mit verstärkter Verarbeitung in emotionalen Bereichen des Hirns auf, längerfristige Entscheidungen wurden in anderen Regionen verarbeitet.

Vielleicht kann es also hilfreich sein, sich vor wichtigen Entscheidungen eine „Wie wäre es in einem Jahr?“ – Frage zu stellen. Aber auch eine „Wie wäre es morgen?“-Frage kann nützlich sein: dass eine Entscheidung rational und logisch die Bessere ist, heißt nicht zwingend, dass sie schlecht ist: sonst würden wir alle nie etwas riskieren, nur von Wasser und Soylent leben und niemals Lasertag spielen. Und in so einer Welt will ich nicht leben.

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