„Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!“
Die Tische werden hochgeklappt, der Vorlesungssaal ergibt sich in willkürliche Entropie, Menschen stehen auf, unterhalten sich, und packen ihre Sachen. Die Vorlesung war gut, der renommierte Gastredner Dr. Fox hat den Medizinstudenten einen flammenden Vortrag über die Anwendung spieltheoretischer Berechnungen in der Ausbildung junger Ärzte gehalten, und die neuen Erkenntnisse werden interessiert besprochen. Die Studenten gehen mit dem Gefühl, etwas fürs Leben gelernt zu haben, und geben an, dem Dr. eine hohe fachliche Kompetenz zuzuschreiben.
Blöd nur, dass Dr. Fox von Stochastik in der Medizin ungefähr so viel Ahnung hat, wie ein dreijähriger Senegalese von der europäischen Bienenhonigleitfähigkeitsverordnung. Eigentlich ist er ein bezahlter Schauspieler, der im Rahmen eines psychologischen Experiments einen gefälschten Vortrag mit wahllos aneinandergereihten Informationen gehalten hat. Dabei wurde eine real vorliegende Forschungsarbeit abgeändert, indem widersprüchliche Beispiele, unlogische Folgerungen und nicht existierende Fachbegriffe in den Vortrag eingebaut wurden. Der kompetent und gepflegt wirkende Schauspieler wurde auf einen selbstbewussten Vortragsstil trainiert, und anschließend als „Dr. Myron L. Fox“ vorgestellt, einem angeblichen Experten in der Anwendung von Mathematik auf das menschliche Verhalten.

Der Vortrag wurde Probanden in drei Gruppen präsentiert, die anschließend einen Fragebogen ausfüllen sollten. In diesem wurde ermittelt, wie die Zuschauer den Vortrag wahrgenommen haben, und wie sie den Lerneffekt einschätzen. Tatsächlich gaben einige der Teilnehmer auf Nachfrage sogar an, weitere Publikationen von Dr. Fox gelesen zu haben – was natürlich vollkommener Schwachsinn ist. Ziemlich einheitliche Ergebnisse lieferten die Fragen nach Dr. Fox‘ fachlicher Kompetenz oder der Begeisterung für sein eigenes Forschungsfeld. Es wurde sogar gefragt, ob der Vortrag durch genügend erklärende Beispiele an Klarheit gewinnen konnte, was viele Leute bestätigten.

Hier ein Zusammenschnitt vom Video des damaligen Experiments. Wer nur mal reinschauen will: die spannendste Stelle ist ab 1:50, wo an einigen Beispielen kurz die Art des gesprochenen Nonsenses vorgestellt wird.

Was uns das Experiment zeigen soll, ist, dass Experten nicht immer Experten sind. Es ist leicht, so zu wirken, als wisse man mehr als die anderen… kann dabei aber noch immer wahllose, unzusammenhängende Fakten berichten. Insbesondere ist Vorsicht geboten, wenn jemand als Experte angekündigt wird – wir neigen gerne dazu, ihm zu glauben. Das passt auch zum sogenannten Weißkitteleffekt, bei dem die Autorität des Arztes dazu führt, dass höhere Blutdruckwerte gemessen werden, als eigentlich vorliegen würden. Unsere Erwartungshaltungen beeinflussen unsere Wahrnehmung und unseren Körper auf verschiedenste Möglichkeiten, was oft zu Fehlern führen kann.
Sagt das etwas darüber aus, was Expertenmeinungen bei „spannenden Wissensmagazinen“ wie (okay, leicht veraltetes und überzogenes Beispiel) Galileo Mystery zu bedeuten haben? Vielleicht. Dass es eine UFO-Meldestelle in Stuttgart gibt, sagt allerdings auch aus, dass es Bedarf für eine UFO-Meldestelle zu geben scheint…

Zu guter Letzt dürfen wir hier zumindest eine Sache lernen: Ein guter Vortragsstil kann einem auch bei absoluter Ahnungslosigkeit wirklich den Arsch retten!

fox

 

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