Dass das Erlangen von Expertise kein leichter Prozess ist, dürfte sich mittlerweile herauskristallisiert haben: wie bereits angesprochen sind knappe 10 Jahre Einarbeitungszeit angesetzt, +- ein bisschen Varianz aufgrund besonderer oder besonders unbesonderer Fähigkeiten, Fertigkeiten oder der Komplexität des Zielgebietes. (So ist es zum Beispiel bestimmt einfacher, ein Experte für die Tiefe des eigenen Bauchnabels zu werden, als für Kernphysik.)

Aber wie genau läuft dieser Prozess ab? Welche Etappen überwindet der einsame Wanderer auf dem steinigen Pfad zum ruhmverhangenen Gipfel der Perfektion?
Expertise in einem Gebiet zu haben, bedeutet, im Lösen von Problemen, die mit diesem Gebiet im Zusammenhang stehen, besonders gut zu sein. Je nach Thema sind diese Probleme zum Beispiel fachlicher Natur, oder treten in Form von besonderen Herausforderungen oder Aufgaben auf. Wenn eine Person sich der Expertenstufe nähert, kann sie komplexere oder aufwändigere Probleme angehen und erfolgreich lösen – teilweise sogar wesentlich schneller oder auf besonders elegante Weise. Experten sind Problemlöser, die auch dort noch agieren können, wo normale Menschen längst nicht mehr funktionieren.
Verschiedene Wissenschaftler unterscheiden verschiedene Stufen auf dem Weg zur Expertise (vgl. Glaser (1996) und Schumacher und Czerwinski (1992)), und ich werde hier vereinfachend versuchen, ein Paar dieser Ansichten zusammenzufassen.
In der Regel wird von einem dreistufigen Modell ausgegangen, das Einarbeitung, Verbesserung und den Zustand der eigentlichen Expertise umfasst.

Die erste Stufe

Auf der ersten Stufe findet ein erster Kontakt mit dem Gebiet statt. Der Lernende nimmt erste Klavierstunden, löst erste Gleichungen oder liest erste Abhandlungen über den Standard des homosexuellen Liebesbriefaustauschs zwischen spanischen Prinzen im 15. Jahrhundert. In dieser Stufe wird die Arbeit im Allgemeinen nicht selbst geleistet, sondern durch Lehrer, Trainer oder Übungstutorials vermittelt. Die Strukturierung des Lernens und die zu lernenden Inhalte werden von außen vorgegeben, weswegen man hier von External Support spricht.

Der eigentliche Lernprozess besteht dabei daraus, die wesentlichen Eigenschaften des Gebietes zu erkennen, und im Gedächtnis Vergleichbares oder Ähnliches zu finden, um die Informationen schneller einordnen zu können. Dies wird auch die Vorhteoretische Stufe genannt.

Die zweite Stufe

Transitional Stage, da versucht wird, Analogien und Abstraktionen herzustellen, um ein Verständnis für die tieferen strukturellen Eigenschaften und Kausalzusammenhänge des Stoffes zu verstehen. Erste Ansätze, Wissen aus anderen Bereichen mit dem neu Erlangten zu verbinden, werden angestellt.

Die dritte Stufe

Die dritte Stufe ist das eigentliche Expertentum, im Lernprozess auch self-regulatory stage genannt. Der angehende Experte ist auf keine äußere Hilfe mehr angewiesen, und hat das Wissen so weit vertieft, dass er selbstständigen Wissenstransfer zu anderen Gebieten herstellen kann, um seine Fähigkeiten nicht nur zu vertiefen, sondern sogar noch zu erweitern.

LEVEL UP!

Sobald diese drei Phasen durchlaufen wurden, kann man von einem Experten sprechen. Das bedeutet nicht, dass er alles weiß, was es über die eigene Bauchnabeltiefe zu wissen gibt, oder nicht mehr besser werden könnte, in dem, was er tut, sondern nur, dass er viel mehr über Tiefe, Form und Faltigkeit des eigenen Bauchnabels weiß, als die meisten anderen Menschen, die die oben beschriebenen Phasen durchlaufen müssten.

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