In diesem Science Saturday geht es um die Erklärung eines Phänomens, das viele von uns kennen dürften:
Wenn wir mit dem Auto unterwegs sind, und uns dem Ziel nähern, drehen wir die Musik leiser, damit wir besser sehen können.

Was einerseits als ungefähr so sinnlos erscheint, wie das Licht an zu machen, damit man besser riechen kann,hat eigentlich eine sehr naheliegende Erklärung: Die laute Musik stört unsere Konzentration. Der eigentliche Knackpunkt ist jedoch die Frage, wieso und in welchem Maße auditive Informationen – nennen wir als durchschnittliches Beispiel einfach mal Heavy Metal– uns beim Autofahren behindern – einer Aufgabe, die nahezu unabhängig von Geräuschen ist und primär auf visuellen Informationen und Erfahrungswerten beruht.
Die Antwort liegt in unseren kognitiven Ressourcen. Obwohl die Verarbeitungsstreams für auditive und visuelle Informationen in unserem Gehirn theoretisch unabhängig voneinander verlaufen, befinden sie sich dennoch im gleichen Gehirn, und haben viele gemeinsame Verarbeitungspunkte. Die wahrgenommenen und verarbeiteten Informationen lösen in unseren Köpfen eine Vielzahl von Dingen aus: Erinnerungen, Assoziationen, Interpretationen. Zunächst müssen wir die Infos, die zum Autofahren gehören, verarbeiten (wie Kupplung, Gas und Bremse, der richtige Gang, das Blinken und Lenken, Straßenschilder, Verkehrsregeln, die aktuellen Verkehrsbedingungen wie diese lästigen spielenden Kinder und Hunde) und gleichzeitig noch übergeordnete Ziele verfolgen. Ankommen zum Beispiel. Oder einen Parkplatz finden. Oder die Fahrt überleben. Währenddessen laufen viele Prozesse in uns ab, die zum Beispiel Bedingungen und Situationen mit unserem bisherigen Wissen vergleichen, Annahmen tätigen, die internen Repräsentationen unseres Gehirns auf Korrektheit überprüfen (im Sinne von: „Nein Officer, ich hätte schwören können, dass das hier keine Einbahnstraße ist!“) und dennoch das Gesamtbild im Blick behalten, die Sorge, zu spät zu kommen, zum Beispiel.
Wenn zu dieser ganzen Flut von zu verarbeitenden Dingen jetzt noch dazu kommt, dass wir unsere Lieblingsmusik aus den Boxen dröhnen lassen, die uns aufputscht, mit Erinnerungen und Hochgefühlen bombadiert, uns mitsingen oder im Takt wippen lässt, was alles im gleichen Hirn, zu Teilen in den gleichen Zentren, verarbeitet werden muss, wird klar, warum uns das alles zugleich leicht überfordern kann.
Neurologisch gesehen gibt es sozusagen kognitive Ressourcen: Die Kapazität, die unser Gehirn zum Verarbeiten aufbringen kann.Je anstrengender der Task ist, desto mehr davon werden verbraucht. Je schwerer die Aufgabe ist, desto belasteter sind wir. Wenn wir also Auto fahren, wird theoretisch ein großer Teil unserer Kapazität verbraucht.
Je näher wir dem Ziel sind, desto komplexer wird die Aufgabe. Die meisten von uns dürften sich darauf einigen können, dass das Fahren in der Stadt wesentlich anstrengender ist, als auf einer Landstraße oder Autobahn. Mehr Verkehr, mehr Regeln und weniger Übersicht belasten uns stärker. Wenn dann noch die Musik dazu kommt, sind wir sozusagen überreizt.

Aber ganz so leicht ist es leider dochnicht. Eine komplette Erklärung für das Phänomen gibt es aber dennoch, und die ist sogar noch viel befriedigender:
Die Schwierigkeit der Aufgabe ist entscheidend dabei, wie viele nebensächliche Dinge – sogenannte Distraktoren – wir wahrnehmen, und Musik ist eine dieser Sachen. Eine Vielzahl von Versuchen konnte zeigen, dass wir auf bestimmte Distraktoren, die unserem Gehirn besonders wichtig erscheinen (laute Alarmsignale, unseren eigenen Namen, bekannte Gesichter) extrem gut und häufig ansprechen, während in den meisten Fällen die Distraktorwahrnehmung direkt mit der Aufgabenschwierigkeit zusammenhängt. Man spricht hier vom sogenannten load, der angibt, wie sehr unser Gehirn ausgelastet ist. Bei High Load Tasksarbeiten wir konzentriert an einer komplizierten Sache. Diese schränkt uns so ein, dass wir bis auf die oben beschriebenen Sonderfälle kaum oder sogar gar keine Distraktorwahrnehmung haben. Bei Low Load Taskshingegen lastet die Aufgabe uns nicht komplett aus, und die Distraktoren können uns leicht ablenken.
Bisher sieht es aus, als würde dieser neue Ansatz der Situation komplett widersprechen: Wenn die Aufgabe erst am Ziel wirklich schwer wird, wieso stört uns die Musik dann erst hier, und vorher nicht? Wieso wird sie unter geringerem Load sogar als angenehm empfunden?
Hier baue ich eine kleine Brücke zur Expertise: Wenn wir etwas lange genug machen, werden wir darin so gut, dass wir es automatisieren. An diesem Punkt wird nahezu keine kognitive Kapazität mehr verbraucht, um die Aufgabe auszuführen. Fahrradfahren ist eine dieser Sachen: Wir denken nicht wirklich über Treten, Lenken und Halten von Gleichgewicht nach, sondern machen es einfach.
Beim Autofahren ist das recht ähnlich: Situationen, die uns sehr gut bekannt sind, und die sich gut verallgemeinern lassen, sind für uns sehr leicht zu handhaben. Das Fahren auf Autobahn oder Landstraße ist eine dieser Sachen. Das bedeutet, dass wir hier fast keine kognitiven Ressourcen verbraten, und das heißt, dass wir den Distraktor – die Musik – sehr bewusst wahrnehmen. Aber das ist okay, sie lenkt uns eigentlich kaum vom task ab, das Fahren geschieht intuitiv.
Wenn wir uns jetzt dem Ziel nähern, kommen wir in die Innenstadt: Widerlich zu fahren, unübersichtlich, jedes Mal anders. Richtig schlimm wird es dann bei der Parkplatzsuche, die beansprucht uns enorm. Wir können nicht mehr generalisieren, und damit läuft der Prozess des Fahrens weniger automatisch ab. Plötzlich brauchen wir vielmehr kognitive Kapazität, und die Musik beginnt, uns zu nerven. Einerseits dürfte unsere Lieblingsmusik, laut aufgedreht, eine der Sachen sein, die unser Gehirn einfach nicht ausblenden kann (so wie man seinen eigenen Namen immer heraushört), andererseits sind wir in dieser Situation zwar konzentriert, aber nicht total ausgelastet. Deswegen nehmen wir den Distraktor weiter wahr, und er tut das, was er am besten kann: uns ablenken.

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