Gibt es eigentlich auch Nachteile des Expertentums? Dinge, die mich zwei Mal überlegen lassen, ob ich wirklich so gerne mit der Zusatzeinblendung „Kennt über 1000 verschiedene Balkongeländer-Designs“ ins Fernsehen kommen will? Ob es das wirklich wert ist?
Ein paar. Und die haben es sogar in sich.
Zunächst ist es ein unglaublicher Aufwand, Experte zu werden: Wie wir bereits geklärt haben, werden knapp 10 Jahre Arbeit angesetzt, um ein solches Maß an Können und Wissen zu erreichen. Wenn man hier noch hinzunimmt, dass man Expertenwissen nicht verallgemeinern kann, haben wir ziemlich hohe Kosten für sehr eng abgesteckte, stark herausgearbeitete Talente.
Hinzu kommt, dass es irgendwann schwer wird, sich mit anderen zu messen. Wenn man auf einer so hohen Ebene seines Gebietes agiert, wird es schwer, ebenbürtige Kontrahenten zu finden. Wer will auf einem Vorspiel nach diesem witzigen Asiaten dran sein, der so unglaublich gut Klavier spielt? Wer will schon gegen einen gefeierten Herz-Chirurgen um die Wette herzoperieren? (Okay, der Fall ist unwahrscheinlich. Aber ich behaupte, dass jemand, der ein Herz reparieren kann, auch tatsächlichbesser Dr. Bibber spielt, als andere Leute!) Welcher Durchschnittsspieler spielt schon gerne ein nachmittägliches Freundschaftsspiel gegen den Schachweltmeister? Niemand.Das liegt auch einfach daran, dass Menschen schnell neidisch werden und sich im Allgemeinen nur sehr ungerne total abfrühstücken lassen… zwei Spiele lang gegen den Weltbestenzu verlieren ist ganz witzig, aber sobald diese 20 Sekunden rum sind, wird es dann doch Zeit für eine neue Beschäftigung. Wenn man hingegen gewinnt, wirkt es irgendwie überheblich vom Meister… oder als hätte er keinen Spaß und nicht aufgepasst, was wir ihm beides übel nehmen würden.Menschen sind eben undankbar.
Das zeigt sich auch anders: Wenn sie Hilfe brauchen, ist ein Experte eine gute Anlaufstelle. Das kann sogar so weit gehen, dass es irgendwann den Expertennur noch nervt – der arme Informatikstudent, der dauernd vollgetextetwird, wenn ein PC kaputt ist, selbst aber nur einfachen Java-Code schreiben kann, hat es nicht leicht.Wenn andersherum aberder Experte einfach mal hereingeschneit kommt, und nur von seinem Fachgebiet redet(er hat in den letzten 10 Jahren ja auch kaum ein anderes Hobby gehabt… ein Date mit einem Experten muss hart sein), geht er uns tierisch auf den Sack. Ich saß mal auf einer kleinen Party mit ungefähr 8 Leuten rum, von denen 5 gemeinsam Medientechnologie studierten. Für diese 5 war es ein unglaublicher Spaß, einen Katalog mit verschiedenen Mischpulten und Mikrophonen zu zerpflücken, sich über Preise und sinnlose Geräte zu echauffieren, und Anekdoten zu erzählen. Das war ganz witzig – die erste Stunde lang. Als irgendwann die Freundin des einen ihn dezent darauf hin wies, dass er nicht mehr glücklich werden würde, wenn er nicht sofort den Katalog fallen lässt, wurde die Situation zum Glück entschärft, bevor ich zum Brieföffner greifen konnte.

Wenn man also zu eingefahren ist, oder einfach das falsche Fachgebiet hat, gilt man schnell als Exzentriker – wie die komische alte Katzenlady bei den Simpsons zum Beispiel. Oder dieser Kerl, der alle Barbies sammelt und schon mehr als 40.000$ in diese Sammlung investiert hat. Oder der Kerl am Nachbartisch, der eureFrühstücks-Wahl aufgrund der Tatsache, dass sie nur einen kurzen Schiss ergibt, kritisiert. Oder eben jemand, der stundenlang über Mischpultpreise reden kann.
Zusammengefasst haben wir also einen Verlust von Zeit, Freunden und Ruhe. In Kombination mit den Vorteilen der Expertise stehen wir nun vor der Wahl, ob es uns das wert ist. Was uns dazu bewegen kann, Experte zu werden, erkläre ich beim nächsten Mal.

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