Ist es jedemmöglich ein Experte auf einem komplett beliebigen Thema zu werden?
Das ist eine spannende Frage, und um sie zu beantworten müssen wir einen kleinen Abstecher in die ehemals starkumstrittenen Grenzgebiete der wissenschaftlichen Einigkeit machen eine hitzige Debatte von nahezu apokalyptischen Ausmaßen drehtesich um die Frage: Wie sehr beeinflussen uns Fähigkeiten und Fertigkeiten in dem was wir tun? Mittlerweile gibt es zum Glück eine allgemeingütige Antwort, hinter der sich die Fachmeinung gesammelt hat.
Zunächst zur Abgrenzung der Begriffe: Fähigkeitenbeschreiben Talente, die uns angeboren sind. Manche Menschen sind von Geburt an intelligenter als andere, manche bauen schneller Muskeln auf oder sind musikalischer, können vielleicht mehr Geschmacksrichtungen unterscheiden oder haben ein besseres Gehör. Fähigkeiten sind Potentiale, sie werden noch nicht umgesetzt.
Fertigkeitenhingegen sind Dinge, die wir uns im Lauf unseres Lebens aneignen. Einerseits können das Dinge wie Lesen und Schreiben sein, andererseits baut unser täglicher Umgang mit bestimmten Fertigkeiten auf unseren Fähigkeiten auf. Wenn jemand mit einem IQ von 80 startet, und nie etwas tut, ist es gut möglich, dass er von jemandem mit einem Start-IQ von 70 überholt wird, wenn letzterer täglich Gehirnjogging macht und Fisch isst. Jemand der schnell Muskeln aufbaut, aber nie trainiert, wird weniger Muskeln haben, als viele, die keine besondere Begabung dafür haben, aber sehr motiviert arbeiten. Und man kann noch so musikalisch sein, wie man will, ohne Übung kann man dennoch kein Klavier spielen.
Fertigkeiten sind daher also durch Motivation, Fleiß, Training und Übung in Anwendung befindliche und verbesserte Fähigkeiten.

Für die Nerds unter euch: Fähigkeiten sind eure Attribute, wie Stärke oder Charisma, und Fertigkeiten sind die Skills, die ihr in der Charakterentwicklung ansammelt – Überreden, Schießen oder Schleichen. 😉
Es gibt allerdings auch Sachen, die man nicht lernen kann – wenn ein 20 jähriger Deutscher versucht, Chinesisch zu lernen, wird er irgendwann fehlerfrei sprechen, jede Vokabel und alle grammatikalischen Kniffe kennen – jedoch nie akzentfrei sprechen können. (Das liegt daran, dass wir im Kinderalter auf eine andere Gruppe von Lauten geprägt werden. In der Phase, in der Babies sinnlos brabbeln, experimentieren sie mit Geräuschen, die sie erzeugen können. Dabei haben sie ein gewaltiges Repertoire, und streichen nach und nach das heraus, was sie nicht beigebracht bekommen und auch nicht benötigen. Man konnte zeigen, dass es möglich ist, später akzentfrei Chinesisch zu lernen, wenn man als Baby häufig dieser Sprache ausgesetzt war.)
Talente sind im Allgemeinen also teils angeboren und teils erlernt – Fähigkeiten und Fertigkeiten. Dieses Ergebnis ist auf viele Verhaltenspsychologische Theorien übergegangen, und macht meiner Meinung nach auch irgendwie mehr Sinn, als den Ansatz „Es gibt nur Erbschaft!“ oder „Man lernt alles!“ zu fahren. Beim Thema Intelligenz unterscheidet man hier zum Beispiel zwischen fluider und kristalliner Intelligenz, meint aber sehr ähnliche Dinge, wobei fluide Intelligenz Fähigkeiten wie bestimmten Problemlösestrategien entspricht, und kristalline Intelligenz Erlerntes darstellt.
Was sagt das jetzt über den Erwerb von Expertise aus? Einiges… aber nicht alles.

Grundlegend ist es meiner Meinung nach den Meisten möglich, in den meisten Dingen ein Experte zu werden. Ich sage „den Meisten“, weil es hierfür keine Garantie gibt – für manche Dinge hat man vielleicht einfach einen zu niedrigen IQ, ist zu grobmotorisch oder hat zu zittrige Hände. Oder man will Weltmeister im Unterscheiden von Tonfrequenzen werden, ist aber leider taub. Für alle anderen gilt, dass Expertise eine Frage der Motivation und der aufgebrachten Leistung ist. Wenn man sich wirklich rein kniet, kann man besser werden, als jemand, dem es „einfach liegt“. Man wird es nur nicht so leicht wie er haben, besser zu werden.

Natürlich sorgt das dennoch dafür, dass eher Leute Schachweltmeister werden, denen die nötigen Fähigkeiten angeboren sind. Das liegt vor allem daran, dass es eine gute Motivation ist, gut in etwas zu sein: Ich würde diesen Blog nicht schreiben, wenn ich nicht der Ansicht wäre, mich von Grund auf halbwegs gut ausdrücken zu können. Mit dieser Basis macht das Üben mehr Spaß – und mit der ausreichenden Motivation folgt dann bald die Expertise.

One comment on “Kann jeder ein Experte werden?

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