Eine kleine Pause von Körpersprache – ihr dürft euch kurz bequem und zusammengesunken hinsetzen und all euren nervösen Ticks nachgehen.
Im Moment besuche ich zusätzlich ein autonomes Tutorium zu Psychoanalyse und Psychodynamik, was total aufregend und abgefahren klingt, und insgesamt auch ziemlich spannend ist – vermutlich kommt dieser eigentlich nicht vorgesehene Teil dem am nächsten, was die meisten Leute über ein Psychologiestudium denken: Wir reden über die Grundprinzipien, mit denen man einen speziellen Einzelfall mental auseinanderbauen kann und gucken uns an, wie und warum seine inneren Prozesse gegeneinander ankämpfen, und warum am Ende dieses besonders witzige Verhalten (Persönlichkeitsstörungen, sich für Jesus und Napoleon in einem halten, Panikattacken, Amokläufe….) eigentlich auftritt. Sonderlich tief geht der Kurs nicht – Psychoanalyse ist ein relativ umstrittenes Thema und eigentlich nicht das, womit sich Psychologen wirklich beschäftigen aber interessant ist er dennoch.
Heute ging es um das Zusammenspiel von Bewusstem und Unbewusstem (also unserem Unterbewusstsein). Dabei haben wir ein Thema angesprochen, mit dem ich mich sogar halbwegs auskenne: Attributionstheorien. (YAY :D)
Erinnern wir uns kurz zurück: Attributionen nehmen wir vor, wenn wir uns unsicher sind, wo der Ursprung für ein Verhalten liegt. Wenn wir uns also Fragen, wieso in aller Welt Thorben da drüben in einer Schutzweste als Clown verkleidet ein Eis isst (okay, das ist keinalltägliches Beispiel, aber wenn ihr Details wollt, lest hier), suchen wir Gründe in dem, was wir wissen. Es gibt ziemlich viele Aspekte einer Attribution, aber der wesentlichste ist: Liegt der Grund für sein Verhalten bei ihm, oder irgendwo in der Situation? Also: Ist Thorben bekloppt, oder hat er eine Wette verloren? In alltäglicheren Situationen kann das Ergebnis entscheidend sein: Bin ich sauer auf meinen Freund, weil er wieder zu spät ist, oder glaube ich, dass die Bahn (Satans kleines Privatprojekt und der Feind aller Nationen) daran Schuld ist?
Damit können wir dann auch unser eigenes Verhalten untersuchen? Bin ich eigentlich Schuld, oder ist es die Situation (zum Beispiel wenn wir eine schlechte Note bekommen haben)? Menschen neigen hier dazu, sich selbst zu begünstigen: Gute Noten sind unsere eigene Schuld, schlechte Noten natürlichnicht.
Aber was hat das jetzt mit der Psychoanalyse und mit Freud zu tun?
http://www.leadion.de/userfiles/image/Bilder_Teaser/Eisberg.jpgFreud war einer der Ersten, der wirklich das Unterbewusstsein (bei ihm und damit auch in Fachkreisen das „Unbewusste“) untersuchte. Ich will hier gar nicht lange auf seine Theorie eingehen, nur kurz so viel: Verschiedene Teile unserer Persönlichkeit sind unterschiedlich bewusst, und unser Verstand ist ein psychodynamischer Prozess – also sehr wandlungsfähig. Dabei ist vor Allem interessant, dass der absolute Großteil (das bestätigen auch moderne Neurowissenschaftler) unserer mentalen Prozesse unbewusst abläuft. Nur ein winziger Bereich ist bewusst, und ein Teilbereich des Unbewussten ist im Begriff, bewusst zu werden, das sogenannte Vorbewusste. Freud packt das in sein Eisberg-Modell: Das Bewusste liegt über der Wasseroberfläche, das Unbewusste darunter. Im Randbereich, von den Wellen ab und an verdeckt, liegt das Vorbewusste.

Toll daran ist, dass unser Unterbewusstsein viele Aufgaben übernimmt, die uns sonst nur stören – wichtig sind insbesondere Schutz- und Abwehrmechanismen, die starke negative Emotionen und Traumata von uns ablenken sollen.
Attribution wird dann interessant, wenn wir wieder mit uns selbst kämpfen – insbesondere, wenn wir uns für Dinge rechtfertigen wollen, die wir unterbewusst entschieden haben, die uns dann aber bewusst werden. Ein eher unangenehmes Beispiel sind Vorurteile. Selbst wer sehr tolerant ist, und zum Beispiel keinerlei Probleme mit Ausländern hat, könnte sich dabei ertappen, wie er Personen mit Migrationshintergrund bei einem Vorstellungsgespräch als weniger starke Konkurrenz wahrnimmt als „Deutsche“. Je nach Persönlichkeit könnte uns diese Feststellung irgendwie peinlich oder unangenehm vor uns selbst sein – und damit ein Problem darstellen. Wir attribuieren: Wer oder was führte zu dieser Einschätzung?
Das Unterbewusstsein liegt als Verantwortlicher nahe, immerhin wurde dort die Entscheidung gefällt. Dummerweise gehört das Unterbewusstsein einerseits zu uns, andererseits ist es nicht direkt von uns kontrollierbar… sind wir also direkt (internal) oder indirekt (external) zu unserem Eindruck gekommen?
Das Unterbewusstsein kann beides zugleich sein: Internal und External, ein Teil von uns aber doch etwas komplett anderes. Wir verstehen nur wenig von unserem Unterbewusstsein, und haben keinen Einfluss darauf, was es entscheidet. Da der Mensch dazu neigt, sich Dinge zurecht zu legen (immerhin ist es eine Funktion unseres Unterbewusstseins, uns vor unangenehmen Dingen zu schützen), bietet es sich oft an, die Verantwortung für solche Entscheidungen abzustreiten… und das ist vielleicht auch gar nicht so schlecht.
Trotzdem ist es möglich, an unserem Unterbewusstsein zu arbeiten: Es verarbeitet gelernteDinge, Erfahrungen, Erinnerungen, Regeln und Normen. Wenn wir bei besagtem Vorstellungsgespräch also total elendig versagen, und stattdessen ein Türke, ein Norweger und ein Koreaner eingestellt werden, werden wir in Zukunft wohl mehr Konkurrenz wahrnehmen.

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