Ich habe bereits betont, wie wichtig der Kontext zum Einordnen von Körpersprache ist, und dabei auch schon angedeutet, dass jeder Mensch seine eigene Sprache spricht, die oftmals selbst dann schwer zu deuten ist, wenn man die Person gut kennt. Darauf will ich heute noch näher eingehen, und praktischerweise haben wir dafür ein faszinierendes Beispiel, das ich eiskalt aus meinem „Populärwissenschaftlichen Klatschblatt“ (Zitat einer Freundin, die gerade ihre Psychologie Master-Thesis schreibt) klaue: Angies Kanzlerinnenraute.

Angela Merkel mit Raute

Das Bild läuft laut Wikipedia unter CC-Lizenz 😀 http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en

Zunächst: jede Körpersprache ist ein komplexes Konstrukt aus schauspielerischer Leistung, unbewussten Reaktionen und Erfahrungswerten. Nicht jede Reaktion ist steuerbar, und viele Ausprägungen können auf biografische Prägungen zurückgeführt werden, die uns irgendwann beeinflusst haben. Hinzu kommt ein gehöriges Maß an Selbstdarstellung, insbesondere in der Business-Welt oder der Politik. Zwischenmenschliche Machtspielchen (insbesondere Zwischenmännliche Machtspielchen) haben sich seit Anbeginn der Zeit stark verändert. Statt uns auf die gute, alte, offensichtliche und unbekümmerte Art gegenseitig mit unserer Kacke zu bewerfen, sind wir zu Dominanzdarstellungen übergegangen, die ausdrücken können, wer wo steht – wenn sie falsch ausgenutzt werden, kann das zu echten Problemen führen, ein gewisser Einsatz ist aber unausweichlich.
Dementsprechend ist Körpersprache auch was das angeht einfach nicht pauschal zu deuten. Viele Menschen laufen deswegen blind durch die Welt, oder überinterpretieren jede kleine Regung – je nachdem, wie gut sie sich eingelesen haben.

Selbst Experten können sich oftmals kaum darüber einig werden, was eine
bestimmte Haltung ausdrückt: Gehen wir über zur „Kanzlerinnenraute“, Angela Merkels Markenzeichen, das oft auch als „kleiner Unfall mit Sekundenkleber“ bezeichnet wird. Je nachdem, wem man glauben will, ist die Geste ein Ausdruck von Souveränität, eine Abwehrhaltung oder ein Symbol der Aggression. Man ist sich nicht einmal über die innere Spannung der Kanzlerin einig: Einerseits wird es als Zeichen inneren Drucks gewertet, andererseits kann man die Raute auch als „Mudra“ deuten. (Wovon ich mir habe sagen lassen, dass es sich dabei um eine Konzentrationsgeste aus dem Yoga handelt. Danke, Internet.) Meine persönliche Meinung: eine Marketingstrategie, die unsere Kanzlerin auf dem sonst so unübersichtlichen Markt der „weiblichen deutschen Politiker mit internationalem Gewicht und naturwissenschaftlichem Abschluss“ herausstellen soll, und es auch tut. Dadurch, dass so viele Leute darüber reden, und dadurch, dass sie auf jedem Bild mit dieser Pose zu sehen ist, erreicht sie, dass angesichts dieser merkwürdigen Raute vor dem Hintergrund eines bunten Sakkos sofort jeder weiß, um wen es geht. Das steigert sozusagen den Marktwert.

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