Heute gibt es eine kleine Sache, die ich ebenfalls aus Fridlunds Paper gezogen habe, und nur zusammenfasse.

Forever Alone
Es ist schon seit Langem belegt, dass Menschen auch, wenn sie alleine sind, Emotionen zeigen. (Jaja, ich weiß: Wie hat man das beobachten können? Macht ein Baum überhaupt ein Geräusch, wenn niemand da ist, um es zu hören? Und macht ein Clown auch so ein doofes Gesicht, wenn niemand da ist, um es zu sehen? Die Antwort ist: Aus philosophischer Sicht kann man das mit dem Baum nie beantworten (aber mit Philosophen kann man ja auch nicht diskutieren), aber aus wissenschaftlicher Sicht kann man die Leute einfach verarschen, testen, und ihnen am Ende sagen, dass man sie die ganze Zeit durch einen doppelten Spiegel oder eine geheime Kamera auf dem Klo beobachtet hat. Wenn die Forscher alles richtig machen, fragen sie den Probanden dann, ob es für ihn okay ist, wenn seine Daten genutzt werden, und wenn dieser nicht in der letzten halben Stunde exzessiv Nase gebohrt hat, sagt er meistens „Ja“.)
Das ist insofern interessant, als dass die Sozialkomponente von Emotionen eventuell also nicht die einzige ist, die uns zum – beispielsweise – Lächeln bringt. Die alleine gezeigten Emotionen werden in der Forschung oft als die reinsten emotionalen Ausdrücke betrachtet, da sie vollkommen unabhängig vom Beobachtereffekt sind, und somit keinerlei Rückkopplung durch Sozialeinwirkungen entstehen können. Sie sind also nicht dadurch verfälscht, dass wir darauf achten, beim Lächeln auch schön auszusehen, oder nicht hämisch zu grinsen, aufzustehen und laut zu lachen, wenn ein Kleinkind in Hundescheiße fällt, oder keine Schwäche durch Weinen zu zeigen. All das sind emotionale Handlungen, die wir uns aus verschiedenen Gründen antrainiert haben, weil sie einfach als gesellschaftskonform gelten. Alleine müssen wir uns damit nicht befassen, und können halbwegs unbeeinflusste Emotionen zeigen. Ein anderer Effekt sind auch unsere allseits beliebten Spiegelneuronen. Habt ihr mal jemandem beim Gähnen zugesehen? Es erfordert viel Willenskraft und Konzentration, anschließend nicht selbst mit offenem Mund dazusitzen und jeden eurem Mundgeruch auszusetzen. Ähnliches, nur weniger stark, haben wir bei vielen Situationen. Ein Lachen erzeugt bei uns zumindest ein Lächeln, Weinen erzeugt bei uns zumindest Trauer… vorrausgesetzt, wir mögen unser Gegenüber zumindest oberflächlich.
Also verändern soziale Situationen unsere Emotionsdarstellung auf zwei Arten: dadurch, dass wir uns kontrollieren, und dadurch, dass wir uns den anderen anpassen.
 
Allerdings ist diese Interpretation nicht zwingend die richtigste. Wie uns der Versuch, den ich gestern beschrieben habe, zeigt, drücken wir auch andere Emotionen aus, wenn wir zwar alleine sind, die Situation aber dennoch sozial einschätzen. Fridlund nennt das „implicit audience effect“ also den effekt eines indirekten Publikums. Damit meint er, dass die oben beschriebenen Effekte auch eintreten können, wenn wir alleine sind – nämlich wenn wir uns ein indirektes Publikum vorstellen. „Publikum“ ist dabei natürlich nicht so gemeint, dass uns 30 Leute gebannt beim Essen einer Banane zusehen, sondern eher so, dass wir uns Gesellschaft oder soziale Situationen vorstellen.
Fridlund hat dazu noch weitere Forschungen angestellt, auf die ich nun aber nicht näher eingehen will. Seine Theorien zusammengefasst: Der Gedanke an soziale Interaktion führt eben auch zu Emotionsausdrücken als wären sie in einer Sozialsituation entstanden. Ein Beispiel dafür ist zum Beispiel das gestern beschriebene Experiment. Insgesamt nennt Fridlund aber 5 Situationen:
  1. wir behandeln uns selbst als soziale Akteure (Selbstgespräche, Wut auf uns Selbst, Hand vor die Stirn hauen, uns selbst im Spiegel anflirten, weil wir echt scharf aussehen mit diesem leichten eine-Woche-Bartschatten)
  2. wir interagieren mit jemandem, der eigentlich nicht da ist (weil er den Raum schon verlassen hat, oder weil wir vollkommen verrückt sind)
  3. wir stellen uns die Anwesenheit einer anderen Person vor (wenn wir eine Erinnerung Revue passieren lassen, das beliebte Phänomen des Gespräche-die-es-nie-geben-wird-Führens)
  4. wir bereiten einen Gesichtsausdruck als Maske vor, kurz bevor wir wirklich mit jemandem interagieren (Lächeln, bevor wir unserem Chef „Hallo“ sagen müssen)
  5. wir personifizieren nichtmenschliche Dinge als Menschen (mit Haustieren reden wie eine verrückte Katzenlady, den Tisch anschreien weil er frecherweise im Weg steht, den Computer fragen warum er jetzt wahllos herunterfährt, und und und…)

Vermutlich konnten wir alle uns in mindestens 3 dieser Punkte wiedererkennen, und ich kann euch versichern, dass ihr die anderen beiden unbewusst tut. 

Meine Meinung: wie so oft stimmen beide Ansichten irgendwie. Ich erkenne Fridlunds Situationen vollkommen an, und würde sein Experiment mir nicht zusagen, hätte ich euch auch nie davon berichtet. Andererseits würde ich die komplett freien Emotionen, die ab und zu alleine auftreten, nicht vollkommen ausschließen: Fridlund deckt viele Bereiche ab, jedoch nicht jede denkbare Situation. Ich glaube, dass wir nicht immer an andere Menschen und Soziales denken… diese Abschnitte sind aber vermutlich sehr selten und eigentlich nicht gezielt zu beobachten.

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