Der heutige Science Saturday orientiert sich ein wenig an einem Vortrag, den ich auf der IK gehört habe: „Bad Music“ von Justin London, einem Prof, der sich mit Musik und Kognitionswissenschaften beschäftigt und tolle Vorträge hält. (Ich bin noch immer Team Justin!) Meine heutige Zusammenfassung wird sich nicht annähernd mit seinem fachlichen Verständnis messen können, aber das ist auch okay – die meisten von euch haben kein Vergleichsmedium 😛
Insbesondere beziehe ich mich auf eine Sache, die er vorgestellt hat, den „Most Unwanted Song“.

Werfen wir einen Blick auf das Jahr 1994. Zu dieser Zeit testete ein amerikanisches Künstlerduo russischer Herkunft – Komar & Melamid – eine neue Herangehensweise an die Kunst: Demokratie. (War ja klar, dass Sozialisten den guten alten Standard der absolutistischen Kunst umwerfen mussten, und die Künstler jetzt auch noch auf dieses lästige „Volk“ hören müssen.)
Die Idee war eigentlich echt simpel, und doch genial: Sie beauftragten eine Firma damit, weltweit Fragebögen ausfüllen zu lassen, in denen es um die besten und schlechtesten Aspekte eines Bildes ging. Diese Informationen wurden für jede Nation gemittelt und dann von den beiden Amerikano-Russen in Gemälde umgesetzt. Dabei kombinierten sie alle Elemente, die von einer Nation als positiv betrachtet wurden, und alle, die man negativ bewertete, und voilà: Kunst.
Jedem, der schon mal gekocht hat, dürfte klar sein, dass es nicht zwingend aufgeht, wenn man einfach alle Dinge kombiniert, die man einzeln gerne mag. Wenn wir Gesteskranke und Schwangere außen vor lassen, mag niemand Nudeln mit Butter, Parmesan, Salz, Pfeffer und ZIMT. Oder Kuchen mit Senf. Oder eine Vier-Käse-Pizza mit Nutella und Skittles. Dementsprechend scheußlich sind die meisten dieser Bilder, aber sie geben die „demokratisch“ ermittelten Werte wieder. Ihre Erkenntnisse veröffentlichten Komar&Melamid in ihrem „Scientific Guide to Art“. Und keine Sorge: sie meinten das nicht ganz ernst. Hoffe ich.

Ein Auszug aus dem Buch: Amerikas beliebtestes Bild.

© 2016 Komar & Melamid

Courtesy of Ronald Feldman Fine Arts, New York

Unser eigentliches Thema ist heute jedoch das, was aus dieser Studie entstand: The Most Unwanted Song.
Ich quäle euch jetzt nicht mit den genauen Abläufen, aber nach ihrem ersten Projekt traten verschiedene Leute an die Künstler heran und baten sie, etwas Ähnliches mit Musik zu machen. Gesagt, getan. Sie entwarfen einen Fragebogen (Ich habe ihn tatsächlich gefunden! Hier der Link! Man beachte den letzten Satz, der Datenschützer und Ethikkommissionen heutzutage zur Weißglut gebracht hätte, aber nur ein Witz war. Hoffe ich.), der von Besuchern von Kunstausstellungen beantwortet wurde. (Achtung: Selection Bias! Auch wenn es Komar&Melamid hier nicht wirklich um wissenschaftlich belastbare (=signifikante) Ergebnisse ging, sollte zumindest betont werden, dass hier ein Fehler liegt: Die Ergebnisse, die ich euch gleich vorstelle, gelten nur – wenn überhaupt – für Besucher dieser Kunstausstellungen. Trotzdem dürften wir uns alle darauf einigen können, dass die Musik Käse ist.)
In dem Fragebogen erhoben sie, welche Elemente von Musik allgemein als negativ, und welche als positiv eingeschätzt werden. Ratet mal, was sie mit den Ergebnissen taten.
Die weitaus interessanteren Ergebnisse zeigen sich in diesem Fall im negativen Fall: The People’s Choice Music – The Most Unwanted Song ist eine 22-minütige Komposition aus Dingen, die die Leute wirklich HASSTEN. Wichtig ist dabei: die Musik ist im Allgemeinen nicht koooooomplett schlecht gespielt. Es sind vielmehr die einzelnen Elemente und ihre Komposition und überhaupt: es ist einfach nur furchtbar. Ich höre es gerade beim Schreiben und meine Fnger verkrampfen sich ab und zu auf der Tastatur und ich sitze in Schockstarre vorm PC.
Wen es interessiert: die wirklich unbeliebtesten Elemente umfassten:

  • Cowboy-Musik
  • Dudelsäcke
  • Akkordeons
  • Die Oper
  • Rapmusik
  • Kinderchöre
  • Werbejingles
  • Festtagsmusik
  • Politische Themen
  • Schrille Tonlagen
  • unangenehme Wechsel in Tempo und Tonlage
  • Atonale Elemente
  • Tubas
  • Virtuelle Schlagzeuge
  • Intelektuelle Stimulation

Ihr seid gewarnt.
Scheiße verdammt, ich höre jetzt seit knapp sechseinhalb Minuten in diesen Song rein, und ein unangenehmes Stechen breitet sich in meinem Kopf aus! Das ist ja schlimmer als Dieter Bohlen!

Der Song ist in verschiedenste Abschnitte unterteilt. Am markantesten dürfte wohl die gerappte Cowboy-Oper zu Beginn des Liedes sein… dicht gefolgt von der Kinder-Walmart-Weihnachtswerbung. Später kommt noch eine Perversion der amerikanischen Nationalhymne, alles natürlich untermalt von furchtbaren Übergängen.

Ja, ich weiß: Ihr alle wartet darauf. Und hier ist er nun: Der Song. Ich hafte nicht für beschädigte Gehörgänge, nach oben gerollte Fußnägel, Biss- und Kratzspuren in der Tischkante, psychische Störungen oder andere Schäden. Anhören auf eigene Gefahr. Nicht für Kinder unter 16 Jahren geeignet. Wer mitsingen will, kann hier die Lyrics nachlesen.

Ganz ehrlich: ich habe gerade nach der Hälfte aus gemacht.

Natürlich gibt es auch noch einen Most Wanted Song, der die beliebteren Elemente kombiniert. Im Fokus stehen dabei eindeutig entspannendere Klänge (es ist gerade Balsam für meine Ohren…), es handelt sich um ein Liebeslied, gesungen im R&B-Style. Natürlich sind die Elemente auch hier wieder ein wenig zu wild kombiniert, um wirklich als „gut“ durchzugehen (und es ist gar nicht meine Musik), aber um ehrlich zu sein: So etwas hätte man Mitte der Neunziger wirklich im Radio hören können. Es verwundert wenig, dass der gemeinsame Konsens der Umfrage in etwa dem damaligen „Mainstream“ entspricht.
Den Most Wanted Song finde ich nicht auf YouTube, weswegen ich ihn nicht so schick einbinden kann, aber hier ein Link direkt vom Produzenten.

Ich hoffe, dieser Science Saturday hat euch allen zeigen können, wie schön es doch ist, dass wir alle unsere eigene Musik hören können, und so etwas nicht per Demokratie abläuft.
Meint ihr, die Studie zu ihrem Kunstprojekt gibt noch einen eigenen Science Saturday ab? Antwortet in den Kommentaren!

One comment on “Science Saturday #4 – The Most Unwanted Song

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