Dieser bösartig aussehende, ewig lange Titel sieht mal wieder schlimmer aus, als es eigentlich wird, aber das behaupte ich jedes Mal. Dennoch ist die Zwei-Faktoren-Theorie, die den ursprünglichen kognitiv-physiologischen Denkansatz, dem wir uns gestern gewidmet haben, den Kritikpunkten anpasst. Sie ist nicht perfekt – keine wissenschaftliche Theorie ist das – aber sie beschreibt emotionale Prozesse sehr schön, auch wenn die dazu abgelieferte Forschung leider relativ schwach ist.

Schachter geht in seiner Theorie noch immer von einer zentralen Rolle der Physiologie aus, schraubt ihre Bedeutung insgesamt aber ein wenig zurück. Er sagt, dass körperliche Veränderungen für das entstehen einer Emotion notwendig, aber nicht ausreichend sind. Das heißt, dass die Physiologie immer Teil der Emotion ist, aber Physiologie alleine nicht zwingend zu einer bestimmten Emotion führen muss, sondern nur ein unspezifischer interpretierbarer Reiz ist. Dieser Reiz bestimmt über eine grobe Grundausrichtung und die Intensität der Emotion. Anschließend wird der Reiz kognitiv verarbeitet, wobei über die Qualität der Emotion entschieden wird.
Kurz: Kognitive Bewertung entscheidet, wie ein mehrdeutiger innerer Erregungszustand gedeutet wird.
Das macht Emotionen zu post-kognitiven Geisteszuständen, die also unserer subjektiven Einschätzung durch die Verarbeitung der gesammelten Informationen unterliegen. Wie intensiv uns die Emotion dabei vorkommt ist ein Zusammenspiel aus den wahrgenommenen körperlichen Veränderungen und deren subjektiver Wahrnehmung und Einschätzung. Darin liegt auch der Name der Theorie: Zwei-Faktoren-Theorie, weil unsere Gefühlsebene von zwei Faktoren bestimmt wird:

Reiz führt zu zwei Faktoren. Faktor 1 ist ein körperlicher Reflex, Faktor 2 ist die Wahrnehmung dieses Reflexes. Gemeinsam ergeben sie eine Emotion.

Dabei fällt der Kognition aber auch eine weitere Aufgabe zu: sie führt eine Kausalattribution durch, anhand derer sie entscheidet, was wir fühlen. Hier wird zwischen einer alltäglichen und einer besonderen Situation unterschieden.
Die alltägliche Situation gibt Schachters Verständnis des normal ablaufenden emotionalen Prozesses ab. Wir nehmen etwas wahr und schätzen es unbewusst emotional ein, woraufhin unser Körper reagiert. Das wiederum nehmen wir war, bewerten es und stellen fest, dass wir eine Emotion haben. In diesem Fall decken sich Physiologie und Kognition.
Im nicht alltäglichen Fall liegt eine Besonderheit vor: Wir kriegen aus einem anderen Grund eine physiologische Regung geliefert, nehmen sie wahr und müssen sie dann bewerten. Wenn unsere Kognition hier einen Attributionsfehler vornimmt, kriegen wir eine Emotion aufgetischt, die wir eigentlich gar nicht gefühlt hätten.

Ein Beispiel: Wir liegen gemütlich im Bett und gucken Game of Thrones, als Jon Schnee die Bildfläche betritt. (Der, wie wir ja alle wissen, anscheinend der sexiest man (still) alive ist, was GoT angeht.) Im alltäglichen Fall könnte es jetzt passieren, dass wir ihn als umwerfend wahrnehmen (Ja, auch wir Männer, wir machen da jetzt einfach mal mit, weil ich mir kein zweites Beispiel ausdenken will. Es war halt ein harter Tag, wir haben viel YMCA gehört und liegen echt gemütlich.), was unseren Körper dazu veranlasst, leichte Anzeichen von Erregung zu produzieren. (uns wird ein bisschen warm, wir kriegen ein leichtes fliegendes Gefühl im Bauch, wir sind plötzlich hin und hergerissen zwischen dem Bedürfnis exzessiv „Sport“ zu treiben oder ein Rosenblüten-Bad zu nehmen und und und) Diese Anzeichen nehmen wir wahr, und interpretieren sie passenderweise als „Hrrrrr, Jon Schnee“.

Hier gab es Mal ein Bild von Jon Schnee. Ich habe nur keins gefunden, das ich auch benutzen darf. Sorry Leute.
(Aber ihr wisst ja alle, wie der Mann aussieht. Macht mir nichts vor.)

Der nicht alltägliche Fall wird nun für meine weiblichen Leser schwer zu verdauen, denn er basiert darauf, dass Jon Schnee für uns eigentlich nur ein ungewaschener Kerl mit nem hübschen Schwertknauf (keine Metapher!) ist. Dennoch produziert unser Körper irgendwelche biologischen Signale, vielleicht weil wir den ganzen Tag nur zugedeckt rumliegen und wir jetzt unausgelastet sind und uns warm ist. Unser Gehirn nimmt diese physiologischen Effekte wahr, sieht aber gleichzeitig Jon Schnee und steht nun vor der Wahl: bin ich eigentlich nur faul, oder ist Jon hawt as hell?

Es gab auch Untersuchungen, die leider (für Schachter) nicht signifikant (also wissenschaftlich irgendwie nennenswert sicher) belegen konnten, dass diese Theorie (insbesondere im nicht alltäglichen Fall) stimmt. Allerdings ist eine Tendenz zu erkennen gewesen, und ich finde insbesondere der obere Teil mit der beeindruckend zusammengestellten Grafik klingt schlüssig.

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