Wir weinen nicht, weil wir traurig sind. Wir sind traurig, weil wir weinen.

Als nächstes interessiert uns die kognitiv-physiologische Herangehensweise an Emotionen. Mit einem Hauch von Wissen über psychologische Grundbegriffe kann man sich den Ansatz schnell erklären. „Kognition“ beschreibt die Informationsverarbeitung in unserem Gehirn, also die Umgestaltung von Wahrgenommenem in unterschiedliche Geisteszustände. Oft wird mit Kognition auch unser Denken als Solches bezeichnet. Bei der „Physiologie“  geht es um physikalische, chemische und biologische Prozesse, die in unserem Körper stattfinden und unser System beeinflussen, also Weinen, Erröten, Energiebereitstellung, Müdigkeit oder Erregung.
Gemeinsam ist eine kognitiv-physiologische Emotionstheorie also die Idee, dass Emotionen aus dem Zusammenhang von Wahrnehmung, Informationsverarbeitung und biologischen Körperprozessen entstehen.
Betrachten wir also William James‘ Idee: er wählte einen nicht gerade intuitiven Ansatz, indem er feststellte: „Wir weinen nicht, weil wir traurig sind, sondern wir sind traurig, weil wir weinen.“ Dieses Grundprinzip bezieht sich natürlich auch auf alle anderen Emotionen: Wir sind glücklich, weil wir lachen, und geil, weil wir einen Ständer haben. Das bezieht sich aber natürlich nur auf Emotionen, die direkt mit einer physiologischen Regung verbunden sind; ich bin mir nicht sicher, welche biologischen Regungen meinen Körper durchlaufen, wenn ich gerade neidisch bin, weil ich die neuen Pokemon-Spiele nicht spielen kann, weil ich keinen 3DS habe, oder wenn ich mich so fühle, als wäre ich gerne eine Ziege.
In James‘ Theorie läuft dieser Prozess im Falle von eindeutig physiologischen Emotionen (Trauer, Angst, Scham…) in drei Schritten ab:

  1. Die Wahrnehmung eines emotionalen Reizes löst reflexartig physiologische Regungen aus.
    • sie sind viszeral (in unseren inneren Organen liegend) oder motorischer Natur
    • So bekommen wir einen Energieschub und einen Fluchtimpuls in dem Moment, in dem wir etwas sehen, was uns Angst macht, ob es nun Spinnen, der Weihnachtsmann oder Tokio Hotel sind.
  2. Diese körperlichen Veränderungen sind emotionsspezifisch und werden von uns (natürlich) wahrgenommen.
  3. Sobald wir uns der Qualität, der Intensität und des Zusammenspiels dieser Veränderungen bewusst werden (-> Kognition), nennt man unseren Zustand Emotion.

James sieht also die Wahrnehmung dieser körperlichen Regungen als Grundaspekt der Emotionen an:

„Welche Art von Furcht übrig bleiben würde, wenn weder die Empfindung eines schnelleren Herzschlags noch die eines flachen Atems, weder die Empfindung zitternder Lippen noch die der Gliederschwäche, weder die Empfindung der Gänsehaut noch der Aufruhr in den Eingeweiden vorhanden wäre, das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen.“ ~ William James

Wenn man einer Emotion ihren physiologischen Aspekt „abzieht“ bleibt also keine Emotion mehr übrig.

Natürlich steht James‘ Theorie, wie jede wissenschaftliche Theorie, heftig in der Kritik. Angemerkt wurde zum Beispiel, dass Emotionen keinesfalls reflexartig auftreten, sondern das Ergebnis kognitiver Bewertungsprozesse sind, und dass er nicht alle Emotionen erklären kann. Zusätzlich führt eine künstlich erzeugte physiologische Regung nicht zwingend zu einer Emotion, zeigte ein Experiment, bei dem Probanden Adrenalin gespritzt wurde (was in etwa die gleichen physiologischen Folgen nach sich zieht wie Wut), dass nicht zwingend eine Emotion auf eine körperliche Änderung folgen muss. Tierversuche bestätigten auch, dass Emotionen ohne Feedback der körperlichen Funktion an das Gehirn möglich sind, diese also auch ohne Wahrnehmung der Physiologie entstehen können.
Als Reaktion darauf entwickelte sich die Zwei-Faktoren-Theorie nach Schachter, die wir uns morgen ansehen werden.

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