Kommen wir zu einem der dunkleren Momente in der Geschichte der Psychologie, nur vergleichbar mit schicksalhaften Gegebenheiten wie dem Vulkanausbruch bei Pompeii oder Dieter Bohlens Lebenswerk.
Wir schreiben das Jahr 1920. Die Psychologie ist seit etwas über 40 Jahren eine Experimentalwissenschaft und aus dem Bedürfnis heraus, mehr empirische und objektive Forschung betreiben zu können, wurde Anfang des Jahrhunderts der Behaviorismus entwickelt, den wir beim letzten Mal angerissen haben. Einer der Grundgedanken, der auch bei der behavioristischen Emotionstheorie eine zentrale Rolle spielt, sollte wissenschaftlich belegt werden: die Erlernbarkeit von Verhalten durch Reiz-Reaktions-Verbindungen. Und hier kommt der kleine Albert ins Spiel.

Albert war ein neun Monate alter Junge, dem aus mir unbekannten Gründen die fragwürdige Ehre zuteil wurde, erste und einzige Testperson in diesem behavioristischen Experiment zu werden.
John B. Watson wollte gemeinsam mit seiner Assistentin beweisen, dass Menschen Angstreaktionen erlernen und generalisieren können, ganz im Sinne der klassischen Konditionierung. Dazu nahmen sie eine Voruntersuchung an Albert vor, bei der sie ihm verschiedenste Dinge kurz und zum ersten Mal in seinem Leben zeigten. Darunter waren verschiedene pelzige Tiere, insbesondere eine weiße Ratte, die später noch wichtig wird, Baumwollbüschel, Masken, ein Pelzmantel, brennende Zeitungen und Weiteres. Albert reagierte so, wie man es von einem normalen Kind erwarten würde: mit großem Interesse griff er nach den einzelnen Gegenständen (oder Tieren. Tiere sind keine Gegenstände. Bis auf meinen Hund; der steht oder liegt nur dumm im Weg.) und spielte mit ihnen. Worauf Albert hingegen weniger gut reagierte war, wenn man hinter ihm plötzlich mit einem Hammer gegen ein Stahlrohr schlägt, was ich ihm eigentlich nicht verübeln kann. Sowas nennt man Jumpscare. Albert weinte und war sichtlich weniger glücklich als vorher.
Bis hierhin ist das Experiment noch human, dummerweise hat es eigentlich noch nicht begonnen. Kommen wir also zur Konditionierung: In einigen Sitzungen wurde Albert wiederholt mit der Ratte konfrontiert. Immer, wenn er sie sah, oder anfassen wollte, wurde der akustische Reiz hinter ihm wiederholt. Entsprechend dem Kovariationsprinzip lernte Albert nun eine Verbindung zwischen Ratte und erschreckendem Krach kennen, er wurde darauf konditioniert, die Ratte negativ zu bewerten. Die Auswirkungen zeigten sich, wenn man ihm nur noch die Ratte zeigte, ohne sie mit Krach zu verbinden: Schon nach zwei Wiederholungen weigerte Albert sich, die Ratte anzufassen, nach sieben zeigte er massive Angstreaktionen, die sich später sogar auf ähnliche Dinge ausweiteten, also generalisierten. Er zeigte also auch Angst, wenn er etwas mit Fell begegnete (Hasen oder Pelzmäntel), sogar bei Baumwolle und weißen Bärten. (Womit wir wieder beim Weihnachtsmann-Komplex wären)
Somit wurde ein unschuldiges Kind in frühen Jahren durch ein Experiment entscheidend geprägt: Angst vor Fell und Bärten ist nicht gerade praktisch für ein geregeltes Leben. Insbesondere in den 1920er Jahren, in denen eine durchschnittliche Person vermutlich noch mehr Kontakt zu Tieren hatte als heutzutage. Das schlimmste an der Sache ist jedoch, dass Watson davon ausging, dass diese Folgen nun lebenslänglich bestehen bleiben würden.

Um es angesprochen zu haben: Das Experiment ist heftig in der Kritik. Abgesehen von unseren heutigen ethischen Standards, die vom Experiment nicht nur gebrochen, sondern eher in den Schlamm getreten und ausgelacht worden wären (damals jedoch nicht herrschten. Damals war das alles okay. Damals gab es aber auch zwei Weltkriege, also sollte das nicht unbedingt unser Maßstab sein.), gab es einige methodische Fehler, die mit der Testtheorie zusammenhängen, hier aber nicht näher angesprochen werden sollen. Desweiteren war das Experiment nicht als gewinnbringend empirisch zu betrachten, weil es – zum Glück – nur eine Einzelfalstudie und damit nicht generalisierbar war.
Übrigens wollte Watson – angeblich – eine Rekonditionierung durchführen, also in Alberts Kopf wieder aufräumen, doch irgendwie zog die Mutter mit dem Kind weg, wodurch die Sache dann hinfällig war. Ich bin mir also nicht sicher, wie ich mich angesichts des weiteren Schicksals des kleinen Alberts fühlen soll: wenn ich meiner Dozentin glauben kann, starb der Junge mit 6 Jahren an einem Hirnschaden.

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