Emotionen zu „messen“ ist schwer –  das kann vermutlich jeder von uns, der nicht an Alexithymie leidet, bestätigen. Dennoch beschäftigt sich viel Forschung mit dem Thema. Wie also kann man, nun, da man eine Arbeitsdefinition gefunden hat, auch wirklich mit Emotionen arbeiten?

Im Rahmen der Trias der Emotionen – der drei Aspekte, durch die sich Emotionen bemerkbar machen, habe ich es im unteren Teil der Tabelle bereits angedeutet: jeder der Aspekte kann auf eine eigene Art und Weise gemessen werden, aus deren Zusammenspiel man erste Rückschlüsse treffen kann.

Introspektion

Der subjektive Aspekt beschreibt das eigene Erleben der Emotionen: Das Gefühl, das man bei Trauer erlebt, oder bei Freude oder Überraschung, das interne Erleben dieser Gefühle, was vermutlich das ist, was wir in diesem Zusammenhang bei uns selbst am besten kennen. Dieser rein subjektive Eindruck ist unfassbar schwer zu messen – wir wissen nicht, wie sich unser Gegenüber fühlt. Ich zum Beispiel habe ja nichtmal den Hauch einer Ahnung, was es ist eine Frau zu sein (obwohl ich gerne Queen höre), und erst recht, wie sich eine glückliche, weibliche Person fühlt wenn… sie ein Kind bekommt, oder eine neue Handtasche, oder etwas Vergleichbares. Oder wie sich ein Vater fühlt, wenn sein Sohn das erste Mal einen Knutschfleck hat. Abgesehen davon, dass mir diese Erlebnisqualitäten schlicht nicht bekannt sind, sind sie ja nichtmal für jeden Menschen gleich!
Zu messen sind sie also nur auf eine Art: Introspektion. Man muss in sich selbst hineinsehen, um seine Gefühle abzuschätzen, und benötigt dann ein Medium, um sie zu teilen. Das kann in einem Interview mit einem Versuchsleiter geschehen, oder indem man das Gefühlte auf einem Fragebogen festhält. Hier gibt es unzählige alternative Verfahren, die sich alle in Ansätzen und Funktionsweisen unterscheiden: es gibt grobe Einschätzungen der Gefühle, bei denen es nur darum geht, in einem Koordinatensystem einzutragen, ob die Emotion positiv oder negativ ist, und wie erregt man dabei ist, es gibt nonverbale Skalen mit kleinen abstrakten Figuren, und es gibt Skalen mit weit über 150 Items, also zu beantwortenden Fragen, die die Gefühlswelt genau eingrenzen sollen.
Doch all diese Systeme stoßen an ihre Grenzen: Wenn Probanden lügen, nicht in der Lage sind, ihre Gefühle einzuschätzen, oder so weich im Kopf sind wie ein ausgehöhlter Kürbis um Neujahr herum, ist mit den Werten wenig bis nichts anzufangen. Hinzu können sprachliche Barrieren kommen: was, wenn ich Angst anders interpretiere als mein Versuchsleiter? Nur die Introspektion kann also kaum zum sicheren Messen von Emotionen dienen.
(Wenn hier Bedarf oder Interesse besteht, näher auf das Thema einzugehen, hinterlasst doch einfach einen Kommentar, eine Mail, schreibt es in Facebook, ruft mich an oder schreit es nachts zu meinem Fenster herauf, ich schreibe gerne mehr zum Thema Fragebögen und Probleme.)

Beobachtung

Der behaviorale Aspekt der Emotionstrias beschreibt nach außen hin gezeigtes Verhalten. Wenn mein Gegenüber lacht, stehen die Chancen gut, dass es glücklich ist, wenn mein bester Freund auf die Knie sinkt und sein T-Shirt auf seiner Brust zerreißt spielt er entweder in einem ausgesprochen dramatischen Film mit, oder steht vor einem Schicksalsschlag. der behaviorale Aspekt ist glaube ich sogar der meistgenutzte Aspekt der Emotion, denn er ist sozialdienlich. Wenn ich in mir drin Spaß habe, und nach außen hin eine Fresse ziehe, als würde mein Hund neuerdings mit dem Bauch nach oben schwimmen, sind meine Ummenschen vermutlich nicht in der Lage, angemessen mit mir umzugehen. In den meisten Fällen wird er nicht bewusst genutzt, kann aber willentlich eingesetzt werden, um Ziele zu erreichen… aber dazu kommen wir noch. Als Beispiel nur: wer schonmal ein Kind gesehen hat, das einen Keks wollte, weiß was ich meine, denn es ist recht unwahrscheinlich, dass die Abwesenheit eines Kekses im Kindermagen Schmerzen und Trauer verursacht, die es rechtfertigt eine Viertelstunde lang alle hart arbeitenden Studenten in der Bahn zu entnerven.
Die Messung des behavioralen Aspekts erfolgt offensichtlich durch Beobachtungen. Ich sehe, dass jemand lacht, und schließe, dass er glücklich ist. So einfach ist das. Ist es?
Nein! Leider nicht, sonst wären all unsere Probleme behoben. Durch bloße Beobachtung lassen sich all die tollen Probleme der Introspektion zwar umschiffen, aber das ist auch mehr ein Den-Piraten-ausweichen-und-im-Riff-aufschlagen: Ich kann nur beurteilen, was nach außen hin geschieht, aber nicht, was innen wirklich vorgeht. Das weinende Kleinkind kann als gutes Beispiel dienen, oder auch unser Freund mit dem nun zerrissenen T-Shirt und den aufgeschürften Knien: was könnte ihn mitgenommen haben? Von außen würden wir die Reaktion als heftig einstufen, und lebensverändernde Umstände mutmaßen. Das könnte sein, dass seine Freundin Schluss gemacht hat, oder dass sein Fußballteam verloren hat, oder auch nur Frustration darüber, dass er ein Puzzleteil verschlampt hat (was wirklich frustrierend sein muss). Von außen lässt sich also nicht sagen, was eine Person beschäftigt, oder wieso, und wie. „Sind es Freudentränen oder Trauertränen?“ Sicher ist hier nur: Es sind salzige Tropfen die jemandem aus den Augen fallen. Ein objektiver Blick von außen ist nicht immer das Allheilmittel, um Emotionen zu deuten. Wenn die Gefühlswelt „normaler“ Leute schon so verzwickt ist, was muss dann erst mit jemandem sein, der sich für ein Huhn hält?

Physiologische Messmethoden

Vielleicht kann der dritte Aspekt Abhilfe schaffen, der physiologische Emotionsaspekt. Dieser beschreibt körperliche Veränderungen, die nicht beobachtbar, wohl aber messbar sind: die sprichwörtlichen Schmetterlinge im Bauch, oder ein plötzlicher Schweißausbruch, Erröten oder eine Erektion, geweitete Pupillen oder plötzliches Zucken können gemessen und festgehalten werden.
Dazu gibt es eine wirkliche Vielzahl von physiologischen Messmethoden, auf die ich hier bei weitem nicht eingehen will und werde (außer jemand möchte nachfragen, dann kann aich auch etwas dazu schreiben). Wir messen die Herzfrequenz, Hirnwellen, die Hautleitfähigkeit, Muskelbeanspruchung, Blutdruck, periphere Durchblutung, Lidschlagfrequenz, Pupillendurchmesser und und und. All diese tollen Dinge lassen uns Rückschlüsse führen: geweitete Pupillen könnten zum Beispiel ein Zeichen von (sexueller) Erregung sein, eine gesenkte Lidschlagfrequenz auf höhere Informationsaufnahme hindeuten.
Leider stößt auch diese Messmethode auf viele Grenzen: die weiten Pupillen können auch einfach von Drogenkonsum stammen, oder davon, dass es im Raum dunkler wurde. Auch physiologische Signale sind also objektiv, aber leider nicht unbedingt eindeutig. Zusätzlich können wir natürlich nur etwas über zum Beispiel die Herzrate eines Probanden sagen, wenn wir diesen vorher verkabeln und anschließen, im Nachhinein lassen sich keine Erhebungen durchführen. Das gibt uns aber immerhin eine mehr oder minder sichere und effektive Möglichkeit, Emotionen zu erfassen: Wenn wir gezeigte emotionale Reize und eventuelle Ausschläge auf unseren Messinstrumenten kombinieren und synchronisieren, kann man zum Beispiel sehen, ob ein Hasenbaby oder ein verstümmelter Leichnam zu mehr emotionaler Regung führt – leider aber nicht, ob diese positiv oder negativ ausfallen.

Kombination

Als beste Möglichkeit zur Emotionserfassung bleibt uns aktuell also die Kombination. Wir verkabeln einen Probanden vor dem Versuch, beobachten ihn währenddessen, lassen ihn im Anschluss sein Erlebnis bewerten und beten, dass unsere Ergebnisse sich halbwegs decken. Leider tun sie das häufig nicht, aus den vielen Problemen, die die einzelnen Methoden betreffen, aber es ist ein Anfang um Emotionen sicher zu erfassen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.