Das abschließende Thema, das ich zu den Attributionstheorienansprechen möchte, sind Attributionsfehler. Wenn deine Freundin eigentlich der liebste Mensch auf der Welt ist, du sie aber dennoch für alles verantwortlich machst und dauernd als dreckige Dirne beschimpfst, könnte es sein, dass du einen Attributionsfehler begehst.
Attributionsfehler kommen durch eine Vielzahl von zusammenwirkenden Komponenten auf. Gehen wir zurück zu unserem beliebten Beispiel der Chayas, die den Zug – bekanntlich eine Institution der Ruhe und Ordnung – in eine unerträgliche Folterhölle aus Intelligenzmangel und Niveaulosigkeit verwandeln. Unsere vorherigen Interpretationen waren:

  • mit ihnen stimmt etwas nicht, und sie sind furchtbare Gesellschaft → internale Attribution
  • die Umstände im Zug machen auch alle anderen furchtbar (weil Fasching ist) → externale Attribution
  • ein Ausnahmezustand liegt an → externale Ausnahme-Attribution

Aber einige Optionen bleiben unbeachtet. Die Abgrenzung der drei Möglichkeiten zueinander ist oft nicht sehr einfach. Wie sollen wir zum Beispiel Konsistenz und Distinktheit bei Menschen, die wir nicht kennen, bewerten? Hier wird ein Problem erkenntlich, das sich beim Attribuieren oft zeigt: Informationsmangel. Wie bereits von Kelleybeschrieben, finden schnelle Attributionen insbesondere in Situationen mit mangelnder Informationsvielfalt statt. Wenn wir nicht genug wissen, um gezielt attribuieren zu können, ziehen wir weitere Erfahrungswerte und Vorstellungen heran, um unseren Gedankengang zu unterstützen. In diesem Fall können wir über Konsistenz und Distinktheit in den Ereignissen kaum Aussagen treffen, da wir nur 20 Minuten Zeit haben, um die Lage zu beobachten. Hier wird Kelleys Kovariationherangezogen: wann haben wir ein ähnliches Verhalten beobachtet? Bei wem? Wie? Solche Unsicherheiten machen Attribuierungen sehr fehleranfällig.
Das führt zu etwas, was fundamentaler Attributionsfehlergenannt wird. Aus Informationsmangel können wir die Situation schlecht einschätzen, und ein Streben zur korrekten Interpretation der Lage führt zu einer Überinterpretation. Insgesamt heißt das: Internale Faktoren werden überbewertet, während situative Faktoren in der Regel weniger stark eingeschätzt werden, weswegen häufiger dispositional, also persönlichkeitsbezogen attribuiert wird.
Desweiteren entscheiden wirstets aufgrund subjektiver Eindrücke über Kausalitäten. Es ist sehr schwer, objektiv zu bleiben, da unsere komplette Wahrnehmung subjektiv abläuft. Zusätzlich ist es überhaupt unmöglich, einen objektiven Überblick über eine Situation zu erhalten, da wir niemals alle Umstände kennen können. Was ist passiert, bevor die Mädchen in die Bahn kamen? Vielleicht sind sie nicht so nervig, wie wir denken, und wir sind nur aufgrund unserer früheren Erlebnisse sehr anfällig dafür. Eine von uns getroffene, situative Attribution (irgendwie nerven alle anwesenden furchtbar) könnte auch einfach daran liegen, dass wir extrem leicht zu nerven sind – wiederum entweder internal (so sind wir eben) oder external (beschissener Tag heute) begründet.
Die subjektive Sichtweise trägt außerdem zu einem weiteren Fehler bei, der Self Serving Biasgenannt wird. Ein Self Serving Bias beschreibt den Umstand, dass wir eine Entscheidung unterbewusst oft zu unseren Gunsten treffen, auch ohne es wirklich wahrzunehmen. Damit entscheiden wir selbstwertdienlich.
Ein beliebtes Beispiel, das wir mit Sicherheit alle kennen: Eine eurer Prüfungen lief gut. Wer ist dafür verantwortlich? Natürlich ihr selbst. Wer sonst? Wochenlang habt ihr euch den Arsch aufgerissen und täglich drei Stunden im Internet gesurft: auf 9Gag, Facebook, YouTube und diesem coolen neuen Plog, über den alle sprechen. Es ist somit euer eigener Verdienst; eine internale Attribution: Grund für euren Sieg ist eindeutig die von euch erbrachte Leistung.
Aber was, wenn die Prüfung schlecht verlief? Es liegt bestimmt nicht an eurem mangelnden Lernaufwand – wäre ja auch lächerlich. Die äußeren Umstände sind schuld, eindeutig. Die Klausur war viel zu schwer konzipiert, es kamen Themen dran, die nicht angekündigt waren, diese fetten schwitzigen Bauarbeiter, die man durchs Fenster sehen konnte haben viel zu sehr abgelenkt und außerdem war es heißer als auf einem Wet T-Shirt Contest. Die Attribution erfolgt hier gerne situativ.
Beide Verhaltensweisen wurden in Studien an Studenten belegt (und jetzt mal ehrlich: seid nicht so scheinheilig, ihr wusstet, dass es soist), und konnten umgekehrt auch bei ihren Dozenten beobachtet werden: „Die dummen Studenten sind selbst schuld, wenn sie durchfallen; die koksen doch sowieso alle den halben Tag!“ vs. „Ich bin der beste Dozent, den diese dämlichen Studenten je sehen werden! Ihre gute Note haben sie allein mir zu verdanken! Vermutlich drucken sie Poster von mir, um sie über ihre Betten zu hängen!“
Warum ist Wissen über Attribution und die damit verbunden Fehler so wichtig? Damit ihr euch und die Welt um euch herum versteht. Damit eine gute Freundschaft nicht zerbricht, weil ihr eine Kleinigkeit, die euch nervt, internal attribuiert, obwohl sie der Situation geschuldet war. Und damit ihr euch bewusst machen könnt, wie ihr arbeitet. Attribution muss nämlich nicht unbewusst erfolgen, wenn ihr einfach ein wenig nachdenkt.
Und damit ist mein erstes Thema auch „schon“ fertig. Yay!

4 comments on “Attributionsfehler

  • Lerne gerade für die Klausur in Wirtschaftspsychologie und muss sagen, dass deine Beiträge zum Thema Attribution und Distinktheit mir beim Verständnis der Begriffe wirklich sehr geholfen haben, danke!
    Vor allem, weil du es so leicht verständlich erklärst. =)
    Gibt es denn Bücher über Körpersprache und Menschen verstehen, die du selbst gelesen hast und grundsätzlich weiterempfehlen kannst? Bei Amazon gibt es ja ziemlich viel

    • Uff, ein Kommentar ist ein guter Grund, endlich Mal wieder den Arsch hoch zu bekommen 😀

      Freut mich, dass ich helfen konnte – ich selbst habe damals mit den Themen beim Lernen angefangen, zu schreiben. Woraus sich auch meine folgende, leider eher enttäuschende Antwort ergibt: An Büchern kann ich da gerade nichts wirklich empfehlen. Meine Infos stammten damals größtenteils aus den Vorlesungsunterlagen zu Allgemeine Psychologie II. Habe gerade auch versucht herauszufinden, auf welcher Literatur der Kurs aufbaute, aber das war im zweiten oder dritten Semester und ist nicht mehr in meiner Dropbox drin, leider.

      Für eingängigere Lektüre über Körpersprache kann ich zumindest von Dingen abraten: Ich würde Abstand von jeglichen Büchern nehmen, die zu stark auf Dating oder das Berufsumfeld ausgelegt sind, und erst Recht von Büchern, deren Autor wie ein zweitklassiger Uri-Geller-Zauberer aussieht.
      Alles, was irgendwie verspricht, Menschen vollständig „lesbar“ zu machen ist von meinem Standpunkt aus Humbug 😀
      Ein ausgewogenerer Ansatz, der Signale erklärt und Tipps gibt, dabei aber keine Allmacht anpreist, erscheint mir hier ein guter Ausgangspunkt.

      Viel Erfolg bei der Klausur!

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