Nachdem ich bereits über die Grundsätze der Attributionsfragen geredet habe, können wir zu einem gut funktionierenden Ansatz übergehen, der klären will, wie Attribution in uns funktioniert: dem Kovariationsprinzip nach Harold Kelley, das er um 1967 entwickelte.

Die Grundlagen dieses Prinzips beschäftigen sich mit der Erkenntnis, dass ein Verhalten genau dann auf einen Kausalfaktor attribuiert wird, wenn dieser Faktor immer dann gegeben war, wenn das Verhalten aufgetreten ist, aber nicht gegeben war, wenn das Verhalten nicht aufgetreten ist. Vereinfacht: Wenn dein bester Freund sich immer ein Eis ins Gesicht drückt, wenn er einsam ist, kannst du davon ausgehen, dass du ihn besser nicht mit den tollen Geschichten, wie gut es dir und deiner Freundin doch geht, nerven solltest, wenn er sich eben ein Cornetto gekauft hat. Es muss gar nicht unbedingt stimmen, dass er in diesem Moment traurig ist (bei 30 Grad schmeckt auch glücklichen Menschen mal ein Eis), aber die Botschaft die bei dir ankommt ist: „Scheiße, der arme Sack wird alleine sterben und weiß es.“
Menschen ziehen solche Assoziationen, um sich Arbeit zu ersparen. Das tun sie sogar sehr häufig, auf diese Art ist auch die Bedeutung von ersten Eindrücken und unwillkürliches Schubladendenken zu erklären. Stereotypen sind nicht zwingend böse, sie sind oft nur erste Einschätzungen, um herauszufinden, womit wir es zu tun bekommen. Insbesondere dann, wenn wir uns bei etwas sehr unsicher sind, oder schnell eine Einschätzung brauchen, sparen wir Zeit, indem wir Dinge wie das Kovariationsprinzip anwenden.
Das Heranziehen der Kovariation bedeutet also, dass wir Informationen von verschiedenen Ereignissen zu unterschiedlichen Zeitpunkten ansammeln, und das Muster, das sich aus dem gleichzeitigen Vorhandensein (oder eben Nicht-Vorhandensein) von Faktoren ergibt, interpretieren. Dabei ist es teilweise sogar nicht einmal wichtig, ob andere Begebenheiten wirklich stattgefunden haben, viele Informationen werden aus komplett unterschiedlichen Erfahrungen oder Erfindungen herangezogen. In obiger Situation würden wir uns also Fragen stellen wie

  • Hat er schon Mal Eis gegessen, ohne seine Existenz als aussichtslosen Singleplayer im Spiel des Lebens zu sehen?
  • Hat irgendjemand schon Mal Eis gegessen, ohne dass es ihm so ging?
  • Tut er gerade all die anderen Dinge, die er tut, wenn er traurig ist? Weint er, beleidigt er wahllos Passanten oder trägt nur schwarz? Oder tut er Entgegengesetztes: Lacht er, hilft Senioren über die Straße und trägt einen Pullover mit Blümchenmuster?
  • Wann esse ich Eis? Wann essen andere Leute Eis?

um eine Idee der kausalen Beziehung zu erhalten.
Es geht sogar noch weiter: im Wesentlichen können (laut Kelley) all diese Fragen auf drei „Dimensionen“ heruntergebrochen werden, mit deren Ausprägung wir die Situation einschätzen können: Konsistenz, Konsens und Distinktheit. Darauf gehe ich zu einem späteren Zeitpunkt näher ein.

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