Endlich wird es interessant: mithilfe von Konsistenz, Konsens und Distinktheit können wir uns unsere Attributionsfragen anständig beantworten. Wer jetzt schon wieder vergessen hat, worum es überhaupt geht, folgt besser den beiden Links, und liest nach, was Attribution eigentlich ist. Oder er lässt es. ich kann euch ja nichts vorschreiben.

Wir haben also das Problem, dass sich im Zugabschnitt neben uns drei Mädchen befinden, deren Unterhaltungsniveau (erstaunlicherweise) noch weit, weit unter Allem liegt, was Dieter Bohlen je gesagt, getan oder gedacht hat, und wollen wissen, was Sache ist: Sind sie immer so, oder gibt es besondere Umstände (sie waren lange getrennt und haben sich gerade erst wieder gesehen, es gab einen Adrenalin-Schub weil sie fast einem wütenden Ex-Freund begegnet sind, exzessiver Crack-Konsum) die zu diesem Verhalten führten?
Entsprechend betrachten wir die Konsistenz des Verhaltens, das Maß, in dem andere Fahrgäste ebenfalls abgefahren reagieren, und wie sehr es sich vom normalen Verhalten dieser jungen Damen unterscheidet.

Eine hohe Konsistenz (die Mädchen nerven immer, wenn sie in der Bahn sind), ein niedriger Konsens (niemand sonst nervt, sogar im Gegenteil, alle sind genervt) und eine niedrige Distinktheit (die Mädchen nerven nicht nur im Zug, sondern auch auf der Straße, im Bus, in einem Restaurant und auf Beerdigungen) führen uns zu einer internalen Attribution, also der Ansicht, dass ganz offensichtlich etwas mit den Mädchen nicht stimmt. Vielleicht haben sie als Kinder ein schreckliches Trauma hinter sich gebracht, sind Opfer einer seltenen Krankheit oder einfach nur unangenehme Gesellschaft in der Öffentlichkeit. (Und privat. Da auch. Oh Gott.)

Eine hohe Konsistenz (erneut: sie nerven immer in der Bahn), ein hoher Konsens (alle anderen Menschen sind auch nervtötend) und eine hohe Distinktheit (sonst nerven sie eigentlich nicht) lassen auf eine externale, situative Attribution schließen. Das heißt, dass die Mädchen irgendwie durch die Situation darauf gebracht wurden, und auch alle anderen leute Opfer dieser Situation sind. Es könnte sein, dass Fasching ist (sehr dunkle Zeiten für normale Menschen), oder dass wir Opfer eines Flashmobs geworden sind.

Es gibt noch weitere Fälle zu bedenken. Was ist, wenn eine niedrige Konsistenz vorliegt? Eine niedrige Konsistenz führt fast zwangsläufig zur Annahme, dass eine spezielle Ausnahme vorliegt. Dabei ist egal, wie Konsens und Distinktheit vorliegen, und die Attribution wird weiter erschwert. In diesem Fall sind die Mädchen normalerweise ganz normal, und es liegen keine konsistenten besonderen Umstände vor, unter deren Einfluss diese Reaktion immer auftreten würde (wie Fasching zum Beispiel). Eine Ausnahme könnte sein, dass eine neuwertige Droge in der Luft freigesetzt wurde, die genau diese drei Mädchen komplett nervtötend macht, oder dass die Mädchen erstaunlicherweise einen neuralen Kurzschluss hatten, der sie ausnahmsweise hassenswert macht.

Bei diesen Angaben ist immer zu Bedenken, dass Attribuierungen subjektiv geschehen. Dementsprechend sind oben stehende Kombinationen nicht immer richtig, und müssen nicht immer zur entsprechenden Attribution führen, die angegebene Variante ist nur die wahrscheinlichste unter den gegebenen Umständen. Eine genaue Attribution würde unter Anderem vorraussetzen, bei jeder beteiligten Person korrekt zwischen internaler und externaler Attribution zu unterscheiden. Auf die Fehler, die entstehen können, wenn falsch attribuiert wird, warum sie genau auftreten und woran das liegt, gehe ich morgen näher ein.

2 comments on “Attribuieren mit Konsistenz, Konsens und Distinktheit

  • ist mit attribution eigentlich was gemeint, was jeder automatisch (sprich unterbewusst) macht? mir ist klar, dass das jeder macht, es geht mir nur darum, ob das der wissenschaftliche ansatz ist, diesen vorgang zu beschreiben. oder ist es eher was, was man als jemand macht, der gerade wirklich bewusst herrausfinden will, warum diese mädels gerade so nervig sind (ein psychloge z.b.)?

  • Attribution ist eine Art…. Grundmechanismus des Menschen. Wann immer wir uns fragen, was geschieht, wird attribuiert – entweder aktiv und bewusst, wenn wir uns die Frage wirklich stellen, nachforschen und nachdenken, oder passiv und unterbewusst, wenn wir einfach der Ansich sind, dass "ja alles Steves Schuld ist", oder wir eindeutig die Bahn verpasst haben "weil der Bahnfahrer ein Sadist ist, der gerne Leute warten sieht". Darüber denken wir nicht lange nach, es ist einfach so.

    Die hier vorgestellte Methode, die auf dem Kovariationsprinzip von Kelley aufbaut ist wie eigentlich alles in der Psychologie nur ein Modell, das uns den mentalen Ansatz verdeutlichen und zugänglich machen soll. Es ist nicht der Stein der Weisen und erklärt bei Weitem nicht alle Detailfragen genauestens, aber es ist – in meinen Augen – ein plausibler Ansatz.

    Ich hoffe, das hat geholfen 😉

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